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24.03.2006

13:18 Uhr

Joschka Fischer

Alte Probleme mit der Zukunft

VonOliver Stock

Schön, der Platz hat Symbolik, gerade für einen, der im Nebenberuf Fußballfan ist. Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer tritt im Fußballstadion der Schweizer Hauptstadt auf. Dort, wo die elf Helden 1954 das "Wunder von Bern" vollbracht und Deutschland wieder an die Weltspitze geschossen haben.

BERLIN/BERN. Sechs Jahre alt war der Joschka damals. Der Fischer habe sich bis heute gut gehalten, meinen die Eidgenossen beim Stehempfang.

Der ehemalige Chefdiplomat ist auf Einladung des Schweizer Versicherers "Mobilar" nach Bern gekommen, um dort mit Doris Leuthard über "Die Schweiz und Europa" zu diskutieren. Die Politikerin kannte er vorher noch nicht näher: Sie ist eine Art Shootingstar der Schweizer Parteienszene und gehört dem CDU-Pendant CVP an. Und sie tritt für das ein, was die Schweizer den bilateralen Weg nennen: Sie will keinen Beitritt zur Europäischen Union, sondern plädiert ganz im Sinne von eidgenössischer Regierung und Wirtschaft für Abkommen, die die Schweizer separat mit Brüssel aushandeln.

Das Thema dagegen reizt Fischer, es gehört zu seinem Repertoire. Vergangene Woche hat er seinen Vortrag leicht verändert in Luzern auf Einladung des Software-Riesen SAP abgespult. Und anders als früher, muss er keine diplomatische Rücksicht mehr nehmen: Er prangert die "Rosinenpickerei" der Schweizer an, die nur das von der EU übernehmen, was ihnen passt.

Alltag im neuen Leben des Vortragsreisenden Joschka F. Einfach ist es nicht, dieses Leben zu organisieren. Diese Erfahrung hat auch schon Altbundeskanzler Gerhard Schröder gemacht. Ständig muss die Brücke von der illustren Vergangenheit in eine möglichst illustre, aber doch irgendwie andere Zukunft geschlagen werden. Und jeder Schritt wird von den Medien aufmerksam - teilweise misstrauisch - beäugt. Das führt dazu, dass Fischer vor einer Grünen-Klausur genervt auf die Journalisten zugehen muss, um erst einmal Berichte über seine Zukunftspläne als Gastprofessor in den USA richtig zu stellen.

Noch schwieriger ist es bei Schröder. Denn die Versuche des früheren Bundeskanzlers, seine eigene Zukunft zu planen, werden sogar die Gerichte beschäftigen. Stein des Anstoßes ist sein Aufsichtsratsmandat bei der Gas-Ostseepipelinegesellschaft NPEG. Dieses Amt hatte Debatten in der Öffentlichkeit über die Frage ausgelöst, was ein Kanzler nach Amtsende machen darf und was nicht. Schröder und FDP-Chef Guido Westerwelle sind dabei so aneinander geraten, dass sich beide nun am 31. März vor dem Landgericht Hamburg sehen werden. Auch Schröders Vorträge erregen Anstoß, etwa wenn er sich wie jüngst ausgerechnet von einem Hedge-Fonds einladen lässt.

Auch Fischer entkommt den neuen Karriereproblemen nicht. Nicht nur, dass er von interessierter Seite ständig für internationale Posten - etwa als Uno-Sonderbeauftragter - ins Gespräch gebracht wird. Als er jetzt in einem Schadensersatzprozess in Frankfurt für einen Freund aus alten radikalen Zeiten aussagte, erntete er großes Medienecho. Und ab dem 31. März beginnt der BND-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Dann werden sowohl Schröder wie Fischer trotz aller neuen Gehversuche jenseits der Politik wieder die Berliner Bühne betreten müssen. Alle Augen werden sich auf die beiden richten.

Dem persönlichen "Marktwert" Fischers kann dies aber nur dienen. Und so sind die Gäste der Berner Mobiliar-Versicherung sichtlich stolz auf ihren Gast. Fischers Auftritt gibt dem Versicherer einen internationalen Anstrich - und ist nebenbei gesagt nicht so teuer wie ein Schröder-Gastspiel. Der Minister wisse um seine Halbwertszeit, heißt es bei den dankbaren Eidgenossen, und er habe keine übertriebenen Honorarvorstellungen. Buchbar ist er auch nicht nur wie der Kanzler über eine US-Agentur, sondern ganz direkt über sein eigenes Büro. "Der pflastert sich seine eigene Bühne", stellen die Schweizer anerkennend fest.

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