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29.06.2000

16:04 Uhr

afp PARIS. Wenn es um die Rechte der 1,5 Millionen französischen Jäger geht, laden die Pariser Parlamentarier die schärfste Munition. In der Schlussdebatte über das neue Jagdgesetz nahm der Sozialist François Patriat seinen liberalen Kollegen Charles de Courson von der UDF sorgfältig ins Visier: "Monsieur de Courson, Sie sagen, man muss die Jagd ebensogut kennen wie die Liebe, um darüber sprechen zu können." Nach einem kurzen Aufatmen dann der Blattschuss: "Ich persönlich habe den Eindruck, dass sie von dem einen nichts verstehen und von dem anderen auch nichts." Nun stand fest, dass es vertane Liebesmüh der grünen Umweltministerin Dominique Voynet gewesen war, die Jagd-Befürworter und-Feinde zur Besonnenheit aufzurufen. Zum parlamentarischen Schusswechsel strömten 555 Abgeordnete zusammen. Das Gesetz ging schließlich durch, aber beide Seiten mussten Federn lassen.

Der Grünen-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit sprach am Donnerstag von einem "schwierigen Gefecht" und bescheinigte Voynet, sie habe sich in der dreimonatigen Debatte die Lorbeeren einer "sehr guten Ministerin" erworben. Damit drängte Cohn-Bendit in den Hintergrund, dass der ursprüngliche Gesetzentwurf im Instanzenweg stark zu Ungunsten der Tierschützer verändert wurde. Um abtrünnige Abgeordnete der Mehrheit umzustimmen, wurde das Recht zur nächtlichen Jagd nicht nur für 21 der 96 Departements erstmals offiziell verankert, sondern im Zuge der Beratungen auch noch auf Bezirke in sieben weiteren Departements ausgeweitet. Auch einige Arten von Zugvögeln, auf deren Schutz die EU-Kommission besonderen Wert legt, können ihres Lebens in der entscheidenden Migrationsphase noch immer nicht sicher sein. Denn den Jägern wurde das Recht eingeräumt, sie bis zum 20. Februar auf die Kimme zu nehmen.

Trotz dieser Kompromisse blieb Premierminister Lionel Jospin eine Blamage nur um Haaresbreite erspart. Immerhin sechs Abgeordnete seiner eigenen Partei stimmten gegen das Gesetz, weitere sechs enthielten sich. Dabei hatte die Parteiführung damit gedroht, Abweichler künftig bei der Aufstellung von Wahllisten zu benachteiligen. Die rechten Oppositionsparteien waren sowieso dagegen, den Jägern ihr Revier zu beschneiden.

Hellhöriger jedoch machte der Widerstand der Kommunisten, die lange Zeit sogar mit einer Ablehnung des Gesetzes drohten. Ihre Argumentation ist bis auf die heutigen Tage vom Erbe der Französischen Revolution bestimmt, in der den Adligen das Exklusiv-Recht der Jagd entrissen wurde. Seither wird es von den Jägern fast wie ein unveräußerliches Bürgerrecht verteidigt. Am Ende verzichteten die meisten Kommunisten aber auf eine Blockade-Haltung - aus ihren Reihen kamen zwei Nein-Stimmen und 27 Enthaltungen.

Der Handlungsbedarf war gar nicht zu leugnen. Wieder und wieder mahnte die Brüsseler Kommission die Regierung in Paris, sie müsse sich auf den Weg der EU-Direktive von 1979 begeben. Seit 1984 schon laufen Rechtsstreitigkeiten zwischen Frankreich und der Union. Aber auch das neue Jagdgesetz dürfte die EU-Juristen nicht zufrieden stellen: Sowohl die Nachtjagd als auch die zahlreichen Ausnahmen von der Jagdsaison werden von Experten als nicht konform mit den EU-Richtlinien angesehen.

Unabhängig von der Rechtslage ist des Weidmanns Lust für einen großen Teil der Bevölkerung ein erhebliches Ärgernis, wenn nicht gar eine leibhaftige Bedrohung. Immerhin 51 Prozent der Franzosen äußerten in einer Umfrage eine insgesamt schlechte Ansicht über die Jäger, nur 46 Prozent eine eher positive. Ein Viertel der Franzosen betrachten die Jagd gar als eine "grausame Betätigung". Zu dem Stimmungsbild dürfte die Vielzahl von Jagdunfällen beitragen, die sich alljährlich ereignen. In der Saison 1998/99 kamen bei 259 Unfällen 40 Menschen ums Leben.

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