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11.03.2003

14:00 Uhr

Justiz

Ausputzer der Chefs

VonMichael Freitag, Maximilian Steinbeis, Handelsblatt

Im Fall Mannesmann haben die Angeschuldigten die Elite der deutschen Strafverteidiger engagiert: Die Herren Kempf, Thomas, Müller und Hamm. Sie haben schon vorher Größen aus Wirtschaft und Politik verteidigt, aber auch Terroristen der RAF, und sie haben oft gewonnen.

Eben hat Sven Thomas noch gelächelt. Aber jetzt lehnt er sich nach vorne und schaut unter den hochgezogenen Augenbrauen hervor, als sei ihm noch nie etwas so ernst gewesen wie dies: "Das, was da passiert ist", sagt er und senkt seine tiefe Stimme um eine weitere Oktave - "das war in Ordnung."

Thomas, Verteidiger des früheren Mannesmann-Chefs Klaus Esser, spricht über die Zeit Anfang 2000, in der die Mannesmann AG vom britischen Mobilfunkkonzern Vodafone übernommen wurde - und in der im Anschluss Mannesmann-Führungskräfte, Pensionäre und deren Angehörige 110 Millionen Mark an Prämien und Pensionsabfindungen kassierten. Er spricht über die Anklage der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, die der ehemaligen Mannesmann-Spitze deshalb Untreue und Käuflichkeit vorwirft - und er spricht über das vielleicht spektakulärste Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Geschichte.

Angeklagt sind, neben anderen, Esser, sein Aufsichtsratschef Joachim Funk, der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel. Keine gewöhnlichen Angeklagten - und sie haben keine gewöhnlichen Verteidiger. Die Anwälte gehören zu jenem kleinen, feinen, hoch bezahlten Club, der in großen Wirtschaftsstrafprozessen die Mandate regelmäßig unter sich ausmacht. Sie sind die Ausputzer der Chefs.

Fast alle sind Einzelanwälte oder gehören kleinen Sozietäten an. Spezielle Treffen, um die Verteidigung abzusprechen, seien da nicht notwendig, sagt Ackermann-Verteidiger Eberhard Kempf: "Man sieht sich eh alle zwei Wochen irgendwo."

Kanzlei Heimes & Müller, Saarbrücken. Egon Müller ähnelt ein bisschen dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß: Dieselben listigen Augenschlitze, derselbe gedrungene Kopf, nur freundlicher. Er ist seit über 30 Jahren im Geschäft. Herstatt, Flick, Rheinmetall, WestLB - es gibt kaum ein großes Wirtschaftsstrafverfahren, bei dem er nicht dabei war.

Müller, 64, wird Joachim Funk verteidigen. Kein leichtes Mandat: Die Staatsanwaltschaft sieht Funk als Schlüsselfigur in der Affäre um die Millionenzahlungen. Er habe mit Esser gemeinsam die ganze Sache eingefädelt, behaupten die Ermittler.

Müller sagt, er sehe das ganz gelassen: Die Staatsanwaltschaft "legt die Straftat in die Köpfe der beiden Herren", und die Indizienkette, auf die sie sich dabei stützt, sei "nur so stark wie ihr schwächstes Glied". Die Staatsanwaltschaft habe sich weder auf das Wo noch auf das Wann oder auf das Wie einer angeblichen Verabredung zwischen Esser und Funk festgelegt. Die Ermittler stützen sich unter anderem auf einen Brief, in dem Funk Esser nach einem Ausscheiden Wagen, Büro und Sekretärin auf Lebenszeit verspricht.

Müller kennt seine Mitstreiter seit 30 Jahren und länger: Er, seine Kollegen Thomas, Kempf, Rainer Hamm und noch eine Hand voll mehr in Deutschland, "wir sind sozusagen die Bundesliga" unter den Strafverteidigern, sagt er und lehnt sich behaglich zurück. Mit Essers Anwalt Thomas ist Müller seit Jahrzehnten befreundet. Auch mit Kempf und Hamm hat er schon oft zusammengewirkt. "Wenn ich in einer Strafsache noch jemanden brauche, dann frage ich einen von denen", sagt Müller. "Und die mich."

Kanzlei Thomas Deckert Wehnert Elsner, Düsseldorf: Die Schachtel ist längst leer geraucht, doch immer wieder greift Sven Thomas, 55, nach den Marlboro Lights, um sie dann frustriert wieder auf den Tisch zu werfen. Den grauhaarigen Hünen hält es kaum auf seinem Stuhl, während er spricht. Er sage das nicht nur, weil er dafür bezahlt werde, nein, das sei wirklich seine Überzeugung: Sein Mandant Esser, den er gemeinsam mit dem Neuwieder Anwalt Franz Salditt vertritt, habe sich ebenso wie die anderen Angeklagten völlig korrekt verhalten.

Esser hatte 32 Millionen Mark Prämie erhalten. Die Anklage geht davon aus, dass sich Esser damit zu Lasten des Konzerns bereicherte. "Es war im Interesse der Mannesmann AG, dass man die guten Leistungen ihres Managements belohnt", sagt Thomas. Immerhin sei das Ganze mit dem Segen von Vodafone-Chef Chris Gent und seinem Aufsichtsgremium geschehen.

So oder so sei die Initiative für die Prämien nicht von Esser ausgegangen, wie die Staatsanwaltschaft behauptet - sondern von Canning Fok, dem Bevollmächtigten des Mannesmann - Großaktionärs Hutchison Whampoa. Dass die Staatsanwaltschaft Fok nicht vernommen habe, äußere "ein Defizit an Rechtsstaatlichkeit". Thomas und Müller wollen jetzt beantragen, dass die Befragung nachgeholt wird.

Für seine Beharrlichkeit und Schärfe bei Zeugenvernehmungen in der Hauptverhandlung ist Thomas gefürchtet. Er hat seinen Spaß dabei: "Wo hat man noch solche Auseinandersetzungen wie im Gerichtssaal?", schwärmt er - "ein Geviert, und man ist mittendrin". In diesem Geviert wird er zum Darsteller - auch wenn er anders als Kollege Müller nicht in Studententagen Theater spielte.

Kanzlei Hamm und Partner, Frankfurt: Rainer Hamm, 60, ist dagegen eher der nachdenkliche Typ unter den oft aggressiven Staranwälten. Hamm verteidigt IG-Metall-Chef Zwickel. Weit zurückgelehnt sitzt er in seinem Polsterstuhl, den Blick Richtung Fenster gerichtet und redet über das Strafrecht. Das sei etwas Archaisches, findet Hamm, eine Institution, die Böses mit Bösem vergelte. Das gehe nur, "wenn man den strafenden Staat an die Fesseln legt - die Fesseln des Formalismus". Hamm kennt sich aus mit Formalia. Er hat Bücher über Revisionsrecht geschrieben, und Staatsanwälte sagen schon mal, sie dürften sich in diesem Verfahren nicht den kleinsten Formfehler leisten. Schließlich gehe es gegen Leute wie Kempf und Hamm.

Seinen Mandanten Zwickel aber sieht Hamm schon in der Sache überlegen. Unter anderem deshalb, weil er kein Motiv habe. "Eine Verschwörung von Kapital und Gewerkschaften? Das ist nicht gerade überzeugend." Er habe die Staatsanwälte gefragt, warum Zwickel bei so etwas mitmachen solle: "Es kam keine Antwort, außer der, das sei schon immer so gewesen." Die Ermittler sind überzeugt, Zwickel und Ackermann hätten die Zahlungen im Aufsichtsratsausschuss für Vorstandsangelegenheiten mitgetragen - im vollen Bewusstsein der Rechtswidrigkeit.

Hamm weist auf eine Wand gold bedruckter Buchrücken: die Urteile des Bundesgerichtshofs. "Der BGH hat entschieden, dass bei einer so genannten uneigennützigen Untreue Vorsatz besonders genau zu prüfen ist", sagt er zufrieden. "Da steht es drin."

Die Logik dahinter ist klar: Zwickel sei überzeugt gewesen, dass die Boni und Pensionsabfindungen rechtmäßig sind. Die Verteidigungslinie ähnelt der Kempfs. Erstens, die Entscheidungen gehen in Ordnung. Zweitens, falls sie doch unrechtmäßig waren, hat Zwickel davon nichts gewusst. Und wie wird die Sache ausgehen? "Es wird keine Hauptverhandlung geben", sagt Hamm und lächelt leicht, als amüsiere er sich über seine kühne Prognose.

Kanzlei Kempf & Dannenfeldt, Frankfurt: Wer den hoch aufgeschossenen Eberhard Kempf, 59, im anthrazitfarbenen Zweiteiler vor sich sieht, der zweifelt nicht daran, dass der Mann zum Establishment gehört. Er vertritt Jürgen Möllemann, er agiert als Vertreter der Nebenklage für die Frankfurter Bankiersfamilie von Metzler, und er verteidigt Josef Ackermann. Erst gestern hat er für ihn die Mitarbeiter der Deutschen Bank in einem Rundbrief beruhigt, die Vorwürfe gegen ihren Chef seien unberechtigt.

Dabei war Kempf vor vielen Jahren Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands, er hat sich Anfang der 70er-Jahre als Anwalt von Demonstranten einen Namen gemacht, ein verärgerter Richter ließ ihn mal aus dem Saal tragen ("die Robe mit dem Riss habe ich heute noch, das ist eine Reliquie"). Kempf hat den RAF-Anwalt Klaus Croissant verteidigt und später den Terroristen Hans-Joachim Klein. Und er schließt nicht aus, dass er wieder solche Fälle annimmt.

Aber an diesem Morgen in der Bibliothek seiner Kanzlei ist er ganz Vertreter seines Mandanten. Wortreich verteidigt er die unternehmerische Freiheit: "Wenn der Wirtschaft Entscheidungen auferlegt werden, die für sie nicht mehr tragbar sind, dann ist der Unternehmenssitz eben plötzlich nicht mehr Stuttgart, sondern Detroit." Das Strafrecht sei nicht dazu da, den unternehmerischen Entscheidungsspielraum einzuengen. Dafür gebe es das Aktiengesetz. Darin sei klar geregelt, dass die Gesamtbezüge der Vorstände ihrer Aufgabe und der Lage der Gesellschaft angemessen sein müssten - "der Aktiengesellschaft und nicht der bundesdeutschen Gesellschaft".

Wie die Mannesmann-Prämien in der Gesellschaft ankommen, das ist für ihn als Anwalt ohne Belang. Er vertritt nicht die Interessen der Allgemeinheit, sondern die seines Mandanten. Und was ist mit der Wahrheit? "Wahrheit ist das, was am Ende eines irgendwie geordneten Verfahrens herauskommt: Dann hat eben O.J. Simpson seine Frau nicht umgebracht."

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