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10.01.2002

16:10 Uhr

Kahlschlag im Filialnetz

Banken-Krise wird noch viele Opfer fordern

Der massive Personalabbau von 17 000 Stellen allein bei den vier Großbanken im Inland hat die tiefe Krise in der deutschen Kreditwirtschaft offen gelegt. Doch die Hiobsbotschaften aus den Vorstandsetagen der Branchenriesen sowie die Fast-Pleiten der Bankgesellschaft Berlin und der Schmidt-Bank zeigen nur die Spitze des Eisberges. Die seit Jahren aufgestauten Strukturprobleme des Geldgewerbes dürften die Bank- und Sparkassenlandschaft in Deutschland radikal verändern.

dpa FRANKFURT/MAIN. Im bislang als absolut krisensicher geltenden Wirtschaftszweig wird in den nächsten Jahren rund jeder zehnte Arbeitsplatz wegfallen. Auf den rasanten Konjunktureinbruch und die Börsenflaute reagieren die Manager nun mit drastischen Personaleinsparungen. Während die Industrie bereits seit den 80er Jahren unter dem Druck der internationalen Konkurrenz kräftig an der Rationalisierungsschraube drehte, wurden im Bankgewerbe seit 1990 die Zahl der Mitarbeiter um 62 000 auf 760 000 (ohne Post - und Bundesbank) erhöht.

Doch die akuten Konjunktur- und Kapitalmarktschwächen sind nur Auslöser, nicht aber die Ursachen für die plötzlich sichtbaren Probleme. Für den Chef der Deutschen Bank und neuen Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Banken, Rolf Breuer, ist die Strukturkrise "ernsthafter und fundamentaler" als bislang angenommen. Breuer sieht die entscheidenden Gründe in den Überkapazitäten vor allem im zu dichtem Filialnetz und dem verzerrten Wettbewerb durch die Sparkassen und Landesbanken, die von ihrer kommunalen und staatlichen Rückendeckung profitierten.

Interne Kritiker sehen die Hauptschuld für die Misere der Großbanken aber eher in eigenen Managementfehlern. Die "Glorifizierung des Investmentbanking" mit lukrativen Börseneinführungen sowie Beratungen bei Firmenübernahmen und Fusionen habe zu immensen Fehlinvestitionen geführt. Nachdem auch hier zu Lande der Aktienkurs zum Maß aller Dinge geworden sei, habe ein Run auf Investmentbanken in London und New York eingesetzt.

"Das war extrem teuer, die Gehälter der zugekauften Investmentbanker völlig überhöht, und jetzt wird nichts verdient", bilanziert der Manager einer Frankfurter Großbank. Das Massengeschäft wurde stiefmütterlich behandelt, entsprechend schreiben viele Banken rote Zahlen in der Sparte Privatkunden. Zudem verprellte die neue – teils arrogante – Bankkultur, die nur noch international und auf Milliardengeschäfte ausgerichtet war, den Mittelstand, der aber für zwei Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts steht.

Gestiegenes Interesse nach Anlagen mit höherer Rendite und Investmentfonds

Bei den Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken führte vor allem das veränderte Kundenverhalten in die Ertragsklemme. Selbst Otto Normalverbraucher ist seit Jahren nicht mehr bereit, seine Ersparnisse für 2 % auf das traditionelle Sparbuch zu legen. Das gestiegene Interesse nach Anlagen mit höherer Rendite oder Investmentfonds lässt entsprechend die Zinsmarge der Institute ständig zurückgehen. Aber auch bei den Genossen und den Sparkassen hat das florierende Börsengeschäft der vergangenen Jahre die Strukturschwächen verdeckt.

Bei den Großbanken wurden schon seit geraumer Zeit die Bilanzen mit dem Verkauf des Tafelsilbers wie Industrie-, Handels- und Versicherungsbeteiligungen geschönt. "Doch die früher reichlich vorhandenen Reserven dieser Geldinstitute sind bereits aufgezehrt", resümiert Breuer. Deshalb brechen nicht nur die Gewinne weg, auch Verlustlöcher in einzelnen Sparten können nun nicht mehr versteckt werden. Die Commerzbank kündigte schon zaghaft einen Konzernverlust für 2001 an. Selbst beim Spitzenreiter Deutsche Bank steht eine Halbierung des Jahresüberschusses ins Haus.

Alle drei Säulen des deutschen Finanzsystems belasten derzeit insbesondere die hohen Kreditausfälle. Nach fast 33 000 Unternehmenspleiten 2001 wird für das laufende Jahr bereits mit 35 000 Insolvenzen gerechnet – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Banken. Erst wenn der Konjunkturaufschwung wieder im Gange ist, können sie bilanzieren, wie viele Kredit-Milliarden verloren sind.

Den stärksten Kahlschlag wird es in absehbarer Zeit im teuren Filialnetz geben, das in Deutschland weitaus dichter ist als etwa in Frankreich oder Italien. In der Branche verweist man bereits auf den so genannten "Tankstellen-Effekt". Anfang der siebziger Jahre gab es in Deutschland 45 000 Tankstellen, heute nur noch 18 000, obwohl sich die Zahl der Autos verdreifachte. Derzeit erwarten täglich 46 000 Bankstellen ihre Kunden, die allerdings komplexere Produkte als Benzin und Diesel verkaufen, so dass diese schlichte Parallele aber wohl kaum zu ziehen ist.

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