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22.01.2003

07:47 Uhr

„Kann jeden schlagen“

Schüttler greift nach den Sternen

Rainer Schüttler greift nach den Sternen am Tennis-Himmel. Mit dem Einzug in sein erstes Grand-Slam-Halbfinale katapultierte sich der 26-Jährige bei den Australian Open in eine neue Dimension und lässt die deutschen Fans weiter von den Zeiten eines Boris Becker oder Michael Stich träumen.

Rainer Schüttler ist gut in Form. Foto: dpa

Rainer Schüttler ist gut in Form. Foto: dpa

HB/dpa MELBOURNE. Der 26-Jährige ließ Wimbledon-Finalist David Nalbandian beim 6:3, 5:7, 6:1, 6:0 am Ende nicht den Hauch einer Chance, gewann gegen den Argentinier am Mittwoch in Melbourne die Daviscup-Generalprobe und meinte vor dem Semifinale am Freitag gegen US-Jungstar Andy Roddick: "Wenn ich Nalbandian schlagen kann, dann kann ich jeden anderen auch schlagen." Das andere Match der Vorschlussrunde bestreiten der dreimalige Sieger Andre Agassi (USA) und der ungesetzte Südafrikaner Wayne Ferreira.

"Das ist ein Traum für mich", sagte Schüttler. "Natürlich bin ich überrascht, aber ich habe ein gutes Turnier gespielt und habe es verdient, im Halbfinale zu sein. Ich habe keinen Druck. Egal, wer kommt, ich will ihn schlagen", sagte der Spätstarter aus Hessen am Mittwoch, nachdem er als fünfter Deutscher die Vorschlussrunde in Australien erreicht hatte. Der zwei Mal erfolgreiche Becker hatte 1996 als letzter Deutscher gewonnen, in Stich stand als Finalist der French Open im selben Jahr letztmals ein Deutscher in einem Endspiel. Thomas Haas war 1999 und vor einem Jahr in "down under" im Halbfinale ausgeschieden, auch Stich war 1993 unter die letzten Vier gekommen, Karl Meiler im Jahr 1973.

"Super", sagte Wimbledonsieger Stich in Hamburg. "Ich freue mich riesig für ihn. Endlich zahlt sich seine harte Arbeit aus." Schon zu Beginn des Turniers habe der frühere Daviscup-Kapitän das Halbfinale für möglich gehalten. "Ich traue ihm jetzt sogar noch mehr zu." Ein Garant des nicht gänzlich unerwarteten Erfolges sei die Fitness des Wahl-Schweizers. "Keiner macht körperlich einen besseren Eindruck."

Auch John McEnroe traut Schüttler alles zu. "Er kann den Weg zu Ende gehen. Denkt an das vorige Jahr", sagte "Big Mac" und erinnerte an den Überraschungssieg des Schweden Thomas Johansson vor zwölf Monaten. "Er ist schon in eine andere Liga aufgestiegen. Man kann noch so viele Turniere gewinnen, aber am Ende bleiben die Grand Slams und der Daviscup hängen", kommentierte Trainer Dirk Hordorff.

Roddick setzte sich in einem 4:59 Stunden langes Klassematch mit 4:6, 7:6 (7:5), 4:6, 6:4, 21:19 gegen Younes El Aynaoui aus Marokko durch und wehrte dabei einen Matchball ab. Der 20-Jährige, der wie Schüttler in seinem ersten Grand-Slam-Halbfinale steht, konnte nach seinem Marathonmatch keinen klaren Gedanken fassen und meinte: "Ans nächste Match kann ich noch gar nicht denken." Das längste Match in Melbourne hatten 1991 Boris Becker und Omar Camporese gespielt. Der Italiener unterlag dem späteren Turniersieger im fünften Satz nach 5:11 Stunden mit 12:14.

Schüttler benötigte für seinen Sieg gegen Nalbandian nur 2:18 Stunden und dürfte am Freitag der weitaus frischere Spieler auf dem Center Court sein. Nur im zweiten Satz zeigte er Schwäche, als er eine 4:2-Führung aus der Hand gab und bei Satzball gegen sich einen Doppelfehler produzierte. Doch die Nummer 36. der Jahres- Weltrangliste verbuchte zum Schluss zehn Spielgewinne in Serie gegen den 21- jährigen Argentinier, den er im vierten Vergleich schon zum dritten Mal bezwang. "Ich renne, ich renne, ich renne", beschrieb Schüttler die Grundlage seines Erfolges. "Er kocht die Gegner weich", erklärte Daviscup-Teamchef Patrik Kühnen. Schüttlers Erfolg ist auch mit Blick auf das schwere Daviscup-Erstrundenspiel vom 7. bis 9. Februar in Buenos Aires von enormer psychologischer Bedeutung.

Nalbandian waren die Strapazen des Fünfsatz-Sieges über den Schweizer Roger Federer am Montagabend noch deutlich anzumerken. "Ich war richtig müde", sagte Nalbandian gefrustet. Einmal warf er seinen Schläger wutentbrannt auf den Platz, nach einem Aufschlagverlust per Doppelfehler spielte er Fußball mit dem Racket. Unter den Augen von Grand-Slam-Legende Rod Laver durfte sich am Ende das deutsche Laufwunder feiern lassen, als Nalbandian beim ersten Matchball die Filzkugel ins Netz setzte. "Ich konnte es einfach nicht glauben. Dafür arbeite ich", sagte der strahlende Sieger, dessen Eltern den Erfolg daheim am frühen Morgen mit Champagner feierten.

Bei den Damen gibt es im Halbfinale am Donnerstag den Vergleich Belgien gegen die Williams-Schwestern. Es beginnt Justine Henin- Hardenne gegen Venus, danach will Kim Clijsters ihren Erfolg vom Masters-Finale im November gegen Serena Williams wiederholen. Die 19- jährige Flämin könnte damit den "Serena Slam" verhindern, nachdem die Weltranglisten-Erste aus den USA zuletzt die French Open, Wimbledon und die US Open gewonnen hat. Serena Williams siegte am Mittwoch 6:2, 6:2 gegen US-Teamgefährtin Meghann Shaughnessy. Die Weltranglisten- Vierte Kim Clijsters erfüllte beim 6:2, 6:4 gegen die Russin Anastasia Myskina ihre Pflicht.

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