Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2003

08:51 Uhr

Kanzlerworte

Kommentar: Neuer Mut

VonRüdiger Scheidges

Mit Neujahrsansprachen ist das so eine Sache. Sie sollen Mut machen und zuversichtlich stimmen, vor allem: die Sektlaune nach vollbrachtem Jahr nicht verderben. Auch mit Kanzler-Versprechungen ist das so eine Sache, - ganz allgemein und bei Gerhard Schröder im besonderen.

Jetzt hat er sich also einen herzoglichen Ruck gegeben, gewiss nicht so stark, dass gleich die Sektkelche bersten. Aber immerhin hat er den Deutschen zwei Bedingungen für die politische Steuerung des Fortschritts in Zeiten der Knappheit aufgezeigt. Erstens: Ohne die Bereitschaft zum Wandel im Inneren, wird die Gesellschaft ihren Wohlstand nicht bewahren, das heißt nach außen verteidigen können. Zweitens: Der Mut zu grundlegenden Veränderungen wird zur Bürgerpflicht erhoben. Ohne Weihnachtsbaum-Lametta und ohne Sektkorken-Begleitung gesagt: Ansprüche müssen zurückgeschraubt, Erwartungen gedämpft werden. Die alte Leier? Nein: Die deutsche Scala mobile im Wohlstandsdenken ist jetzt schlicht zu Ende.

Sind wir nun Zeugen des Kanzlers neuen Muts zur Zumutung? Es fällt, gerade in Vorkriegszeiten, schwer, an die Macht der Worte, schon gar der Grußworte zu glauben. Vor allem wenn sie auch noch Zumutungen verheißen. Doch was Schröder in seiner Neujahrsrede wenigstens anpeilt, wenngleich nicht konsequent, lautet immerhin: Es ist Zeit für eine nationale Selbstfindung im Weniger. Dazu gehört in erster Linie das Bewusstsein, dass Zufriedenheit und Selbstvergewisserung, auch politische, nicht naturgegeben mit wachsendem materiellen Wohlstand und immer höheren Konsum-Ansprüchen des Einzelnen und der Wirtschaft korrelieren müssen: Die gängigen Wohlstandserwartungen übertreffen längst den erwirtschafteten Wohlstand bei weitem. Diese Kluft ist nicht allein durch Wirtschaftsprogramme für den homo oeconomicus zu überbrücken. Denn die funktionieren meist nur nach Schema F: Wir stecken eben vorübergehend in einer Anpassungskrise, die überwunden werden muss - und wird.

Gefordert ist hingegen viel mehr der von Schröder wenngleich nur zaghaft geforderte Mentalitätswandel der Deutschen. Den fordern Politiker nicht zufällig äußerst selten. Sie sind riskant. Erstens: weil er freiwillig kaum zu haben ist, zweitens: weil die Politik ihn zur schmerzlichen Priorität erklären muss. Denn die darin geforderte Einsicht in die Grenzen der Belastbarkeit der Sozialsysteme ist mit dem Appell identisch, das bequeme mythische Denken einzustellen: Noch immer nobilitieren wir das Streben nach Mehr, Wachstum und Vergrößerung zum menschlichen Urtrieb, zum naturgegebenen Bedürfnis. Das ist falsch. Nicht nur: In Zeiten des Wohlstandsschwunds und der "jobholder" ist das eine Lüge, ein gefährlicher Selbstbetrug.

Doch vielleicht liegt gerade darin die größte Chance, die vornehmste Aufgabe des Sozialdemokraten im Kanzlersessel: Diese gesellschaftliche Selbsttäuschung plausibel zum Thema zu erheben und die gerechte Verteilung des notwendigen Weniger und des unumgänglichen Verzichts zu organisieren. Bislang hat Schröder seinen Wählern noch immer nach dem Mund geredet. Vielleicht aber erleben wir gerade den neuen Schröder. Den mit dem "Mut zur grundlegenden Veränderung". Den mit der "veränderten Mentalität". Das wär schon was. Zumindest ein Anfang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×