Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.01.2003

08:30 Uhr

Kapitalimporte wachsen nach Amtsantritt des neuen Präsidenten da Silva

Märkte vertrauen Brasiliens Regierung

VonAlexander Busch

Nach dem Absturz Argentiniens beobachten die Wirtschaftsexperten nun, was in Brasilien geschieht. An den Finanzmärkten wird der Start der neuen Regierung positiv aufgenommen: Das Länderrisiko hat sich seit Oktober halbiert und im Dezember floss erstmals mehr Kapital aus dem Ausland an die Börse als abfloss. Dieser Trend hält an.

SAO PAULO. Brasiliens Regierung ist auf den Finanzmärkten ein guter Start gelungen: Auch nach Amtsantritt der Mannschaft von Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva geben Wirtschaft und Investoren weiterhin einen großen Vertrauensvorschuss. Äußeres Anzeichen dafür ist, dass sich das Länderrisiko Brasiliens von dem Höchststand Ende Oktober auf jetzt rund 1 200 Punkte halbiert hat. Das schlug sich auch an der Börse nieder: Erstmals im Dezember war der Zufluss ausländischen Kapitals in 2002 positiv. Dieser Trend hält auch im neuen Jahr an. In den ersten Tagen konnte der Bovespa-Index nach vier starken Wochen erneut 5 % zulegen. Und brasilianischen Unternehmen gelang es erstmals wieder, in großem Umfang Dollar-Anleihen zu verkaufen. Dazu stärkt der Zufluss an Devisen den Real, der im vergangenen Jahr zeitweise bis zu 60 % verloren hat und seit Jahresanfang 7 % gegenüber dem Dollar gewann.

Der Grund für die anhaltende gute Stimmung ist schnell ausgemacht: Immerhin zwei Drittel der Brasilianer erwarten, dass Lula ein "guter oder sehr guter" Präsident sein wird. Nur 3 % denken dagegen, dass er enttäuschen wird. Zudem erfreuten die Wirtschafts- und Finanzpolitiker der Regierung da Silva die Finanzmärkte mit ihren Ankündigungen einer strikten Geld- und Fiskalpolitik: Bei den Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) im Februar will Finanzminister Antonio Palocci ein erhöhtes Primärdefizit (bisher 3,75 %/BIP) vorschlagen. Gleichzeitig will er die "operationale Autonomie" der Zentralbank gesetzlich festlegen. Zentralbankpräsident Henrique Meirelles dagegen hat die Inflationsbekämpfung als oberste Priorität eingestuft. Ein guter Start ist der Regierung damit gelungen, doch ob die gute Stimmung an der Börse anhält, wird sich im Kongress entscheiden, wenn der Präsident versucht, Reformen für das Rentensystem und neue Arbeitsgesetze durchbringen.

Einen Aufschwung Brasiliens hat Lateinamerika jedenfalls dringend nötig, denn die Region hat das schlechteste Jahr seit den frühen achtziger Jahren hinter sich: Die Wirtschaftsleistung ist um 1,5 % geschrumpft. Ohne das stabile Mexiko war die Rezession sogar noch stärker: minus 2,2 %. In allen Ländern sind die Währungen unter Druck gekommen, die Inflationsraten steigen wieder. Die wichtigen Börsen der Region in São Paulo, Buenos Aires und Santiago haben alle heftig verloren. Wirtschaftlich relativ stabil haben nur Chile und Mexiko das Krisenjahr überstanden.

Wird nun das Jahr 2003 die erhoffte Erholung bringen? Die Analysten sind sich nicht einig: Eine klare Wende zum Besseren erwartet niemand, viele Prognosen sind "verhalten optimistisch" - wie etwa die US-Investmentbank Morgan Stanley oder die Dresdner Bank Lateinamerika (DBLA), die "Licht am Ende des Tunnels" sieht. Einig sind sich alle Beobachter jedoch, dass sich das Schicksal Südamerikas 2003 in Brasilien entscheiden wird: "Kein anderes Land in der Region spielt derzeit eine so wichtige Rolle für die Erholung oder den weiteren Abstieg in Lateinamerika", sagt Gray Newman, Lateinamerika-Experte von Morgan Stanley. Aufgrund seiner Wirtschaftsmacht kann das Amazonasland sowohl Wachstumslokomotive als auch Bremsklotz für alle anderen neun südamerikanischen Staaten sein.

Wegen der hohen Verschuldung Brasiliens besteht das Risiko, dass bei einem Zahlungsausfall der Kontinent jahrelang von den internationalen Kapitalmärkten isoliert wäre. Die Probleme, vor denen Präsident da Silva steht, sind dabei immens: "Er muss eine langfristige Lösung finden für das Schuldenproblem und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder wächst", sagt Alfredo Thorne, Chefökonom bei JP Morgan. "Dabei ist völlig unklar, wie er das lösen will", fügt José Luiz Daza von der Deutschen Bank an.

Das Risiko in Brasilien bleibt auch die Inflation, die inzwischen mit rund 11 % rund dreimal so hoch ist, wie von der Zentralbank vorgesehen. "Sollte da Silva nicht hart genug an dieser Front kämpfen, könnte eine Abwertungs-Inflations-Spirale einsetzen, die wiederum Kapitalflucht auslöst", warnt Newman.

In Argentinien dagegen sieht die Lage weiterhin schlecht aus. Zwar scheint die seit 1998 andauernde Rezession die Talsohle erreicht zu haben, doch gleichzeitig isoliert sich das Land mit seinen ausgesetzten Rückzahlungen an Weltbank und vielleicht bald auch dem IWF immer mehr von den internationalen Finanzmärkten. Doch vor einer Rückkehr des Pampastaates sind komplizierte und langwierige Verhandlungen mit Anleihen- und Aktienbesitzern notwendig. Außerdem lässt die Politik ernsthafte Anstrengungen vermissen, die Wirtschaftsprobleme mit Reformen in den Griff zu bekommen.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×