Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.04.2003

14:31 Uhr

Kapitulations-Variante abgehakt

USA setzen auf „fließenden Sieg“

Die USA haben ihre Strategie für das "End Game", die letzte Phase des Irak-Krieges, festgezurrt. Wie verschiedene Regierungsbeamte andeuten, streben sie einen "fließenden" Sieg an und nicht mehr eine offizielle Kapitulation des Gegners, die das Ende des militärischen Konflikts konkret für alle Welt markieren würde. Dass es jemals zu einer solchen förmlichen Aufgabe kommen könnte, gilt als zunehmend unwahrscheinlich.

HB/dpa WASHINGTON. Hauptkriterien für die Siegeserklärung, so heißt es, seien die Kontrolle über "wesentliche" Teile des Landes, aber nicht zwangsläufig über ganz Bagdad, und die weitgehende Niederschlagung des Widerstandes gegen die Alliierten im Land. Dabei würden die USA in den nächsten Tagen aber nicht primär auf die "Eroberung und Besetzung" von Territorium abheben, sondern darauf, "die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ihr Regime nicht mehr am Ruder ist". Das sei der wesentliche Punkt "und nicht die Geographie".

Was Bagdad betreffe, müsse vor einer Siegeserklärung zumindest sicher gestellt sein, "dass noch vorhandene Überbleibsel des Regimes keine Macht mehr ausüben", wie ein Beamter es formulierte. Dazu soll nach Angaben von Pentagon-Kreisen der Ring um die Hauptstadt immer enger gezogen werden. Von diesen äußeren gesicherten Positionen aus würden - wie bereits geschehen - gezielte Vorstöße in einzelne Teile Bagdads unternommen. "Stück für Stück" werde man ausgesuchte Ziele attackieren und so die Kontrolle stufenweise ausbauen oder, wie es der Analytiker Kenneth Pollack ausdrückte: "Dem Regime wird der Saft ausgequetscht."

In das Szenario eines "fließenden" Sieges ohne einen einzelnen großen Sturmangriff auf Bagdad fügen sich auch Äußerungen von gleich drei Regierungsstellen auf einmal zum Schicksal von Saddam Hussein. Sowohl Außenminister Colin Powell als auch die Sprecher des Weißen Hauses und des Pentagon erklärten am Freitag, dass es im Prinzip wenig wichtig sei, ob der irakische Präsident tot oder am Leben sei. Das Entscheidende werde am Ende sein, dass er und seine Gefolgsleute nicht mehr die Kontrolle über ihr Land ausübten.

Das bedeutet nach der Interpretation von Strategie-Experten: Auch wenn der Verbleib von Saddam ungeklärt bleiben sollte, würde das die USA nicht davon abhalten, zu einem bestimmten Zeitpunkt den Sieg zu erklären. Wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, hängt den Regierungsbeamten zufolge wesentlich von der Einschätzung des US- Oberbefehlshabers im Irak-Krieg, Tommy Franks, ab. Die letzte Entscheidung liege aber bei Präsident George W. Bush. Nach Angaben der Beamten haben Planer Monate lang an einer Definition eines Sieges in diesem Kriegsfall gearbeitet - "an der Festlegung, wie die Situation aussehen muss, wenn der Sieg da ist", wie die "Washington Post" einen an den Beratungen Beteiligten zitierte.

Nach Angaben aus verschiedenen Quellen könnte der Zeitpunkt dann erreicht sein, wenn Bagdad durch die US-Streitkräfte sozusagen fest eingeschnürt ist und die Aussichtslosigkeit der Lage in der Hauptstadt deutlich zu werden beginnt. In dieser Phase könnten die USA mit dem Aufbau einer Übergangsregierung beginnen - möglicherweise in einem Ort nahe Bagdad. Die Stadt selbst sei "fast unbedeutend", sobald sie vom Rest des Landes abgeschnitten sei, formulierte es unlängst Generalstabschef Richard Myers.

Aber nicht alle Militärexperten stimmen da zu. Viele meinen, dass ein "wahrer" Sieg die Kontrolle über Bagdad voraussetze. Dazu gehört James Bodner, ein hoher Pentagon-Beamter unter Präsident Bill Clinton: "Solange wir nicht Bagdad eingenommen und die meisten Elemente des Regimes entfernt haben, ist unsere Aufgabe nicht beendet."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×