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26.03.2003

07:20 Uhr

Karierreausichten im Ausland

Bloß weg aus Deutschland

VonBärbel Kerber (Handelsblatt)

Wenn selbst gut ausgebildete, junge, motivierte Menschen in Deutschland keine Jobs mehr bekommen, denkt so mancher jetzt ans Auswandern. Je besser man sich auf die neuen Umstände vorbereitet, umso eher gelingt das Vorhaben. Doch wer hilft beim Wechsel in die Fremde?

"Skandinavien sucht 2 900 Mediziner", meldete die "Ärztezeitung" kürzlich. Sehr gefragt: Internisten und Allgemeinmediziner. Während in Deutschland der Ärger um die Gesundheitsreform und die eingeschränkten Niederlassungsmöglichkeiten so manchem Halbgott in Weiß den Job vermiesen, wird er im Norden Europas mit offenen Armen empfangen.

"Es gibt viele, die jetzt nach Skandinavien gehen wollen", sagt Angela Griem vom Arbeitsamt Hamburg. Die Vorteile in den Nordländern: geregelte Arbeitszeiten, klare Arbeitsteilung, garantierte Fortbildung und gesicherte Bezahlung.

Nicht nur Mediziner wollen auswandern, um eine vernünftige Stelle zu bekommen. Ingenieure sowie Naturwissenschaftler gehen nach USA oder auch Japan, vermeldet gerade ein Bericht der Europäischen Kommission.

Denn: Die Krise im deutschen Arbeitsmarkt erfasst inzwischen auch gut ausgebildete, motivierte junge Leute - und die sind mobil genug für den Gang ins Ausland. Christina Busch vom Raphaels-Werk, einem Beratungsdienst für Auswanderungswillige, rechnet denn auch mit einem Boom in den nächsten Jahren.

"Die Leute wollen jetzt Arbeit, egal wo", sagt Kerstin Whalley vom Berliner Arbeitsamt Südwest. bemühten Deutschland zu verlassen, stieg diese Zahl im vergangenen Jahr schon über die 10 000er-Marke. Vom Wunsch zur Wirklichkeit ist es ein weiter Weg. Eine Menge von Formalitäten und Fragen müssen erst geklärt werden. Das dringlichste Problem dabei: Wird der deutsche Berufsabschluss im Ausland überhaupt anerkannt? Akademiker haben hier Vorteile. Wer ein Hoch- oder Fachschuldiplom durch ein mindestens dreijähriges Studium erworben hat, gilt EU-weit automatisch als "voll qualifiziert". Endlose Zeit kann vergehen, bis die bürokratischen Hürden genommen sind. So muss, wer eine Arbeitserlaubnis für die USA beantragt, mit rund 3 500 Dollar und mindestens vier Monaten rechnen. Ein Anwalt ist für den nicht ganz einfachen Prozess sehr zu empfehlen.

Gute Dienste leisten bei der eigentlichen Suche nach einem Arbeitsplatz eine Reihe von Agenturen. Die wichtigste Arbeitsvermittlung auf europäischer Ebene ist Eures (European Employment Services) - ein Berater-Netzwerk, das die Datenbanken der mehr als 5 000 Arbeitsämter in der EU miteinander verlinkt. Wer außerhalb Europas sucht, kann sich an die ZAV (Zentralstelle für Arbeitsvermittlung) wenden. Im Internet gibt es zudem eine riesige Anzahl elektronischer Jobbörsen.

Doch Vorsicht: Die Jobsuche auf eigene Faust erfordert akribische Nachforschungen über die landesüblichen Gepflogenheiten. Beispiel Großbritannien: Wer sich hier bewirbt, schickt nur einen kurzen, maximal ein bis zwei Seiten langen Lebenslauf, Zeugniskopien sind nicht nötig. "Umso wichtiger ist es, mindestens zwei Referenzen zu nennen. Idealerweise handelt es sich hierbei um Empfehlungen ehemaliger Arbeitgeber", berichtet Eva Indra, Vertriebsmanagerin beim Finanzdienstleister Money-Gram, aus ihrer Erfahrung mit der Jobsuche in London. Dass Stellenbewerber in Australien ihren Unterlagen kein Foto beilegen - um Diskriminierung vorzubeugen -, musste auch Kerstin Wahden, heute Bankerin bei Westpac, erst lernen.

Selbst mit dem Arbeitsvertrag in der Tasche endet die Vorbereitung nicht. Vor dem Umzug gilt es zu klären, welche Folgen das Vorhaben für die eigenen Sozialversicherungsansprüche hat. Wer zahlt, wenn ich im Ausland arbeitslos werde? Was passiert mit meinen Rentenansprüchen? Der Grundsatz lautet: Man ist in dem Land versichert, wo man arbeitet und lebt. Doch häufig entspricht das Niveau der Leistungen nicht dem hohen deutschen Standard. Im Zweifel ist eine Zusatzversicherung ratsam. Für die spätere Rente sollte man festhalten, wo man wie lange gearbeitet hat. Innerhalb der EU gilt: "Wenn ich länger als ein Jahr in einem anderen Land arbeite, habe ich dort eine Anwartschaft auf die Rentenversicherung", erklärt-Beraterin Magrit Braun.

Wer schließlich alle Hürden genommen hat und auf gepackten Koffern sitzt, muss Zähigkeit beweisen. Doch das kann sich lohnen: Christian und Gudula Tiews etwa können sich heute nicht mehr vorstellen, nach Deutschland zurückzukommen.

Sie wanderten vor sechs Jahren nach Houston, Texas, aus. Gudula Tiews arbeitet seitdem bei Hewlett Packard, Christian Tiews ist selbstständig als Übersetzer und Sprachlehrer. Was die beiden an Amerika so schätzen? "Wesentlich größere persönliche Freiheiten, mehr berufliche Flexibilität und viel geringere Steuerpflichten." Ihren Traum von einer eigenen Ranch hätten sie sich woanders so schnell nicht erfüllen können, meinen sie.

Auch Ulrich Harsch in Bristol schwärmt: "Etwas, worin uns die Briten voraus sind, ist die einfache Möglichkeit, den Beruf zu wechseln. Deshalb lebe ich seit fünf Jahren hier. Niemand hat mich gefragt, wie es möglich sei, erst Pfarrer sein zu wollen und dann Ingenieur." In England sei die Einstellung Neuanfängern gegenüber zuerst positiv. "Was zählt ist, ob jemand seine Arbeit machen kann."

Dass auch Diskriminierungen vorkommen, davor warnt Doris Aubin, IT-Expertin in Ottawa: "Ausländer werden hier grundsätzlich schlechter bezahlt als Kanadier." Allein weil sie nicht so fließend Englisch und Französisch sprechen wie Einheimische. Doch wer immer noch einen Schnitt gegenüber den Löhnen in der Heimat macht, den dürfte das nicht stören.

Mehr zum Auswandern nach Australien liefert Ihnen unser Schwesterblatt "Junge Karriere" im Internet unter www.jungekarriere.de

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