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02.06.2000

15:08 Uhr

"Kaufen" ist nicht gleich "Kaufen"

Was bei Aktien-Ratings von Banken zu beachten ist

Aktienempfehlungen von Banken sehen eindeutig aus. Doch hinter einer "Kauf"-Empfehlung von Bank A kann ein ganz anderer Hintergrund stecken als bei der "Kauf"-Empfehlung von Bank B. Denn Empfehlungssysteme können auf zwei Arten aufgebaut sein. Ein Blick auf die Feinheiten lohnt sich (siehe Tabelle).

Privatanleger haben es schwer. Bei Anlageentscheidungen kann ein Investor viel falsch machen, gerade bei der Wahl von Aktien, die den Spargroschen mehren sollen. Wie gut, dass Banken ihre Analysen in einer kurzen und präzisen Empfehlung bündeln, die das Handelsblatt täglich in der Rubrik "Kaufen - Halten - Verkaufen" veröffentlicht. An einer "Kaufen"-Empfehlung gibt es scheinbar nichts zu deuteln. Bei näherem Blick auf die einzelnen Systeme der Banken zur Bewertung von Aktien zeigt sich aber, dass "Kaufen" nicht gleich "Kaufen" ist.

"Die eigentlichen Ratings haben relativ wenig Aussagekraft", meint gar Andre Köttner, Fondsmanager für Nebenwerte bei der Union Investment. Er schaut mehr auf die Begründung der Ratings und versucht die Risiken bei Titeln herauszulesen. "Die meisten Analysten neigen doch zu sehr positiven Einschätzungen", glaubt der Fondsmanager. Trotz der Kritik können Anleger die Kurz-Tipps der Bank für sich nutzen - wenn sie richtig mit ihnen umgehen. Um konsistente Research-Ergebnisse zu bekommen, sollen Anlegern sich auf wenige Empfehlungsgeber konzentrieren: "Wenn ich elf Banken zu Rate ziehe, kann es sein, dass ich widersprüchliche Empfehlungen bekomme", sagt Wulf-Dietrich Spöring, Leiter der Vermögensverwaltung der Commerzbank. Darüber hinaus sollte das Empfehlungsraster der Bank mit den persönlichen Präferenzen des Anleger übereinstimmen. "Wenn für den Investor eine branchenvergleichende Beurteilung entscheidend ist, sollte er keine Tipps von Banken einholen, die Aktien in Relation zu einem Ländermarkt bewerten."

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Ratingsystemen: Absolute und relative. Der Unterschied: Ein absolutes Empfehlungssystem basiert auf einer Prognose der Bank über das absolute Kurspotenzial einer Aktie unabhängig von der Entwicklung eines Indexes. Bei relativen Bewertungssystemen beruht die Empfehlung immer auf einer Prognose darüber, wie sich die Aktie im Verhältnis zum Markt entwickeln wird. Also: Entwickelt sich z.B. die Telekom-Aktie besser oder schlechter als der deutsche Aktienmarkt?

Welches System nun besser ist, darüber streiten die Experten. Die meisten Banken haben sich für ein relatives System entschieden. Hintergrund ist, dass die meisten professionellen Vermögensverwalter wie Fondsmanager Zielgruppe des Aktienresearchs sind. Deren Leistung wird daran gemessen, ob sie ihre Vergleichsmarke (Benchmark) geschlagen haben, z.B. den Dax. "Also wollen die institutionellen Anleger wissen, welche Papiere sich besser als der Markt entwickeln werden", erläutert Hans-Dieter Klein, Leiter des Aktienresearchs der Deutschen Bank. Die absoluten Empfehlungsansätze haben aus Sicht von Klein darüber hinaus einen Nachteil: "Wenn ich bei einem Markt erwarte, dass er sich schlecht entwickeln wird, muss ich bei einem absoluten System alle Werte in diesem Segment auf "Verkaufen" setzen. Denn von diesen Werten erwarte ich ja, dass sie alle im Kurs sinken werden."

Lothar Weniger, Leiter des Aktienresearchs der DG Bank, ist da anderer Ansicht. "Bei einem absoluten System bekommt der Anleger eine klare Aussage: Wie wird sich die Aktie entwickeln?" Bei einem relativen Bewertungsraster bekäme der Investor dagegen "ein gemischtes Signal", aus einer Erwartung über die Marktentwicklung einerseits und die Aktienperformance andererseits.

Einig sind sich beide Aktienexperten, dass Anlagetipps von Banken die Kurse allenfalls kurzfristig beeinflussen können. "Wir können keine Aktie hochschreiben", sagt Weniger. Beim Zeitpunkt der Veröffentlichung der begehrten Aktientipps gilt: Kunden bevorzugt. Die Presse wird nach Angaben des DG-Bank-Research-Experten "nicht notwendigerweise zeitgleich" mit der zahlenden Kundschaft bedient. Es ist also gut möglich, dass die Bank-Tipps, die Anleger den Zeitungen und Zeitschriften entnehmen, schon seit ein paar Tagen bei den Kunden sind, die sich dann vor der breiten Anlegerschar mit den empfohlenen Papieren eindecken können.

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