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16.02.2004

16:41 Uhr

Kein Abschiedsbrief gefunden

Italien weint um seinen geliebten „Pirata“

Der rätselhafte Tod ihres von Dopingskandalen, Prozessen und gescheiterten Comebackversuchen zermürbten Radsportidols hat die Italiener aufgewühlt. Die Mutter des Radsport-Stars klagt: "Ihr habt ihn umgebracht." Die Polizei bestätigte derweil den Fund eines kokainartigen Pulvers in seinem offenbar durch Wutausbrüche verwüsteten Zimmer.

Der „Pirata“ ist tot - und Italien trauert. Foto: dpa

Der „Pirata“ ist tot - und Italien trauert. Foto: dpa

HB ROM. Tränen, Mitleid und Vorwürfe - Italien beweint seinen tragischen Sporthelden Marco Pantani. Tausende Fans legten am Montag vor seinem Haus in Cesenatico Blumen nieder und pilgerten zum Hotel "Le Rose" in Rimini, wo der 34-Jährige am Samstagabend tot in seinem Zimmer gefunden worden war.

Ob Pantani Selbstmord begangen hat oder nicht, klären die Gerichtsmediziner seit Montag. Für Pantanis Mutter Tonina dagegen ist die eigentliche Ursache für den durch Herzstillstand eingetretenen Tod ihres Sohnes schon klar: "Ihr habt ihn umgebracht", klagte sie. Belgiens Radidol Eddie Merckx hatte zuvor der italienischen Justiz die Schuld an Pantanis Tod gegeben.

Pantani wurde in den Tod getrieben, meinte auch Fußballstar Diego Maradona. "Alle sind Schuld - niemand hat ihm geholfen", sagte der Argentinier, während die Zeitung "La Repubblica" feststellte: "Es war unmöglich, ihn zu retten, er war bereits vor allen geflüchtet."

Innerhalb weniger Jahre war der als Tour-de-France- und Giro-d'Italia-Sieger von 1998 umjubelte Weltstar demontiert und als Dopingsünder gebrandmarkt worden. Ein Absturz, den der sensible Einzelgänger, der sich im Sommer vorigen Jahres wegen Depressionen in eine psychiatrische Klinik begeben hatte, nicht verkraften konnte. "Niemand hat mich je verstanden, nicht mal der Radsport und meine Familie", soll Pantani kurz vor seinem einsamen Tod in Rimini geschrieben haben, berichteten Zeitungen in Italien.

Die Polizei dementierte dies und betonte auch, dass kein Abschiedsbrief neben den Beruhigungsmitteln "Control" und "Flunox" sowie dem Anti-Depressivum "Surmontil" in Pantanis offenbar durch Wutausbrüche verwüsteten Zimmer gefunden worden sei. Bestätigt wurde dagegen, dass ein kokainartiges Pulver im Zimmer sichergestellt wurde. Schon lange wurde über eine Drogenabhängigkeit des Italieners spekuliert, der Jan Ullrich 1998 bei Tour bezwungen hatte. Auch ein Freund hatte mitgeteilt, Pantani habe sich ab 27. Februar in eine Entziehungskur begeben wollen, bevor er einen erneuten Comebackversuch starten wollte.

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