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11.01.2002

20:31 Uhr

Kein Land der Erde hat so viele Brauereien wie der Freistaat

Hintergrund: Bayern polarisiert den Rest der Republik

Die Heimat des Unions-Kanzlerkandidaten und CSU-Chefs Edmund Stoiber polarisiert wie kein zweites Bundesland. Millionen Urlauber aus der ganzen Republik zieht es jedes Jahr nach Bayern, doch die Vorurteile gegenüber dem Freistaat mit seinen Bergen, Ludwig-Schlössern, Trachten und dem FC Bayern München halten sich hartnäckig.

Reuters MÜNCHEN. Nördlich der Mainlinie haftet den Bajuwaren der Ruf von eingefleischten Lokalpatrioten, rückständigen Lederhosenträgern und raubeinigen Biertrinkern an. Schon bei der Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß vor 22 Jahren wurde die bis heute aktuelle Frage gestellt: "Kann ein Bayer Kanzler werden?"

Mit einer Arbeitslosenquote von etwa fünf Prozent und dem neben Baden-Württemberg höchsten Export haben die Bayern das Bild der Rückständigkeit längst widerlegt. Das südlichste Land hat anders als Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein den Sprung vom Agrarland in das High-Tech-Zeitalter geschafft. Rund 30.000 Firmen aus aller Welt haben sich im "Isar-Valley" im Großraum München mit kräftiger Hilfe der Landesregierung angesiedelt. Während andere Regionen wie Hamburg oder Berlin Firmen verloren, stieg München in den Weltrang auf. In keiner Stadt haben mehr Unternehmen aus dem Dax ihren Hauptsitz. Im Vorort Martinsried entstand das größte Biotechzentrum Europas. Der neue Flughafen wurde zur zweiten Drehscheibe nach Frankfurt.

Das Vorurteil von der besonders eigenwilligen Mentalität im Freistaat haben CSU-Politiker immer wieder gepflegt. Deftige Bierzelt-Angriffe und Alleingänge sorgten mehrfach für Ärger mit dem Rest der Republik. Die Vertreter Bayerns lehnten als einziges Land im Mai 1949 das Grundgesetz ab. Der langjährige Ministerpräsident Strauß wurde mit zahlreichen Affären in Verbindung gebracht - ernsthaft geschadet hat es der CSU nie. Kaum ein Parlament hat so viele Untersuchungsausschüsse zu Affären wie der bayerische Landtag gehabt. Die CSU regiert trotzdem seit fast 40 Jahren mit absoluter Mehrheit.

Die Republik schüttelte den Kopf, als der frühere bayerische Regierungschef Max Streibl 1992 den harten Polizeieinsatz gegen 500 Demonstranten beim Münchener Weltwirtschaftsgipfel mit dem Satz rechtfertigte: "Wenn einer glaubt, er muss sich mit den Bayern anlegen, muss er wissen, dass hartes Hinlangen bayerische Art ist." Unvergesslich bleibt auch Streibls Rede ein Jahr später beim politischen Aschermittwoch in Passau, als er auf dem Höhepunkt seiner "Amigo"-Affäre die CSU-Anhänger mit den Worten "Saludos Amigos" begrüßte. Für Entrüstung selbst in der Schwesterpartei CDU sorgte Ex-Innenstaatssekretär Peter Gauweiler mit seiner ernst gemeinten Idee, Aids-Kranke in Gettos wegzuschließen, um den Rest der Bevölkerung zu schützen. Gauweiler will im Herbst für die CSU in den Bundestag.

Flüchtlingsverbände beklagen immer wieder die besondere Härte der bayerischen Polizei. Die Behörden fahren nicht nur gegen Asylbewerber einen harten Kurs. Bayern steht in dem Ruf, straffällige Ausländer konsequent abzuschieben. "Chaos"-Tage wie in Hannover oder massive Ausschreitungen bei Fußballspielen hat es in Bayern in der jüngeren Geschichte nicht gegeben. Andere Länder blicken neidisch auf die niederige Kriminalitätsrate. Die neue Mitte-Rechts-Regierung in Hamburg hat den Münchener Kriminalisten Udo Nagel extra zum neuen Polizeipräsidenten gemacht.

Nicht nur bei Investoren sind die Bayern Spitze. Der 17-fache Rekordmeister FC Bayern mit seinem "Kaiser" Franz Beckenbauer hat trotz momentanter Schwäche die Bundesliga in den vergangenen Jahren beherrscht. Auch Biergenuss ist untrennbar mit Bayern verbunden. Kein Land der Erde hat so viele Brauereien wie der Freistaat. In Weihenstephan bei Landshut steht die älteste der Welt.

Nicht nur "Nordlichter" haben noch mit einem anderen bayerischen Phänomen häufig ein Problem: der Mundart. Beim Bayerischen Rundfunk (BR) haben Bewerber einen Vorteil, wenn sie Dialekt beherrschen. "Preußen sind, wenn sie sehr gut sind, aber auch erlaubt", betont BR-Sprecher Rudi Küffner. Vor ein paar Jahren sei Bayerisch noch Einstellungsvoraussetzung bei Sprechern und Moderatoren gewesen.

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