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06.01.2003

08:31 Uhr

Keine Beweise gegen Trichet

Lyonnais-Prozess setzt Haberer unter Druck

VonChristoph Nesshöver

Die Pariser Staatsanwaltschaft verfügt über klare Indizien, dass der Ex-Chef der Großbank Crédit Lyonnais (CL), Jean-Yves Haberer, und der damalige Gouverneur der Banque de France, Jacques de Larosière, die Bilanzen der Staatsbank Anfang der neunziger Jahre schönten, um Verluste zu verbergen. Als Zentralbankchef war de Larosière auch Präsident der Bankenkommission, der die Aufsicht über den CL oblag.

PARIS. Für eine Komplizenschaft von Jean-Claude Trichet, dem Gouverneur der Banque de France, haben die Ermittler aber keine Anhaltspunkte gefunden. Das geht aus dem Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft hervor, der dem Handelsblatt vorliegt (Aktenzeichen P963376901/5).

Trichet braucht einen Freispruch, um im Juli Nachfolger Wim Duisenbergs als Präsident der Europäischen Zentralbank zu werden. Seine Anwälte wollen in der heute beginnenden Verhandlung belegen, dass Trichet als Direktor des Schatzamts die CL-Manager nicht angewiesen hat, die Bilanz von 1992 und die erste Halbjahresbilanz von 1993 zu frisieren und auch die dafür notwendigen Zuständigkeiten noch Informationen nicht hatte. Das geht aus einem Gutachten der Anwälte hervor, das dem Handelsblatt vorliegt. Beides räumt auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Bericht ein.

Trichet hat seine Vorgesetzten, die Finanzminister Pierre Bérégovoy und Michel Sapin, sogar mehrfach auf die Finanzprobleme von CL aufmerksam gemacht. Sapin empfahl daraufhin im Juni 1992, Haberer wegen dessen "zu gewagter" und "abenteuerlicher" Strategie abzulösen. Aber Premierminister Bérégovoy, ein enger Freund Haberers, lehnte ab.

De Larosière soll Haberer gedrungen haben, Abschreibungen auf Risikoinvestments wie die US-Filmfirma Metro Goldwyn Mayer und Immobilienbeteiligungen zu reduzieren. Damit sollte die so genannte "Cooke-Ratio", das Verhältnis von Eigenkapital zu Risikoinvestments (auch "BIZ-Ratio" genannt) über 8% gehalten werden. 1992 wies CL einen Verlust von nur 270 Mill. Euro bei einer Cooke-Ratio von 8,2% aus. 1993 hatte Haberers Expansionskurs ein Loch von einer Mrd. Euro in die CL-Bilanz gerissen. Mit einer Bilanzsumme von 305 Mrd. Euro war Crédit Lyonnais damals die größte Bank Europas. Für die Privatisierung 1999 päppelte der französische Staat die Großbank mit 15 Mrd. Euro wieder auf. Im Dezember 2002 verkaufte der Staat seinen verbliebenen Zehn-Prozent-Anteil und leitete damit die Übernahme von CL durch Crédit Agricole ein.

Für das Verfahren sind bis zum 12. Februar drei Verhandlungstage pro Woche angesetzt. Ein Urteil wird für Mai erwartet.

Quelle: Handelsblatt

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