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31.03.2003

08:44 Uhr

Keine konjunkturelle Wende in Sicht

Unsicherheit der Konzerne wächst

VonCarsten Herz

Obwohl die Erträge der meisten Firmen 2002 eingebrochen sind, hofft die Dax-Mehrheit für 2003 noch auf steigende Gewinne. Doch Sorge macht sich breit: Ein Drittel der Dax-Unternehmen wagt keine Prognose mehr.

FRANKFURT/M. In den Führungsetagen deutscher Großkonzerne ist die Verunsicherung mit Händen zu greifen. Angesichts der Konjunkturflaute und der Unwägbarkeiten des Irakkrieges wächst unter den Dax-30-Firmen die Sorge, dass auch 2003 ein verlorenes Jahr sein könnte. Dies zeigt die Übersicht der Ergebnisprognosen, die die Konzerne vorgestellt haben.

Setzten vor einigen Monaten noch viele Firmen auf eine baldige Erholung, ist diese Hoffnung inzwischen vielfach verflogen: Eine ungewöhnlich hohe Zahl von rund einem Drittel der großen Unternehmen im Dax-30 verzichtete bei der Vorlage ihrer jüngsten Geschäftszahlen bewusst auf eine konkrete Gewinnschätzung.

Es gibt aber auch Experten, die der um sich greifenden Zerknirschung Positives abgewinnen: Der Krieg verschiebe die Belebung wohl etwas nach hinten, berge aber auch Chancen auf stärkere Erholung, glaubt DekaBank-Volkswirt Andreas Scheuerle.

Mit drastischen Kostensenkungen versuchen viele Unternehmen, sich über die Zeit zu retten. Und je geringer die Aufwendungen sind, desto leichter fällt es den Unternehmen, wieder auf den Wachstumspfad zurückzukehren: Die Firmen sparen sich quasi gesund.

So rechnen knapp zwei Drittel aller Dax-30-Firmen für 2003 trotz der konjunkturellen und politischen Risiken mit einem höheren Ergebnis. Analysten erwarten, dass sich die Ergebnisse der Dax-Konzerne vor Goodwill-Abschreibungen im Schnitt sogar um mehr als 20 % verbessern. Der Deutsche-Bank-Experte Bernd Meyer hält die Schätzungen aber für zu optimistisch.

Insofern kann es nicht verwundern, dass der designierte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber keine andere Wahl sieht, als für 2003 auf eine Vorhersage zu verzichten. "In diesen Zeiten grenzt eine Prognose an Tollkühnheit." Die wachsende Sorge, dass der Irak-Krieg lange dauern könnte, steigert die Besorgnis in den Konzernen.

Mit dem leichten Stimmungsaufschwung in der deutschen Wirtschaft ist es dem jüngsten Geschäftsklimaindex des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge jedenfalls vorerst vorbei. Nach zwei Anstiegen in Folge verschlechterte sich im März die Stimmung wieder. "Insbesondere die Erwartungen für die nächsten sechs Monate haben sich wieder eingetrübt", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Mit Sorge beobachtet die stark exportorientierte deutsche Industrie die Auslandsmärkte. Ein langer Krieg würde diese Sorge noch weiter verschärfen.

Aus dem Jahr 2002 können die Konzerne jedenfalls keine Hoffnung schöpfen, ein Trend zu steigenden Gewinnen ist in den Bilanzen nicht zu erkennen. Die Jahresergebnisse 2002 kündigen insofern keine Entwarnung an. Die Mehrheit der Dax-30-Firmen verbuchte im Jahr 2002 weiter deutlich sinkende Nettoergebnisse.

Insgesamt rutschten die führenden deutschen Industriekonzerne sogar kräftig in die roten Zahlen - Schuld daran war der Rekordverlust der Deutschen Telekom. Selbst ohne die Telekom lagen die Erträge der Dax-Firmen klar unter denen des Vorjahres. Für viele Analysten waren die Bilanzen ernüchternd: In den vergangenen Wochen revidierten die Experten nach Angaben der Deutschen Bank für 22 der 30 Dax-Firmen ihre Konsensschätzungen nach unten.

Besonders die Versicherungen, Banken und Finanzdienstleister haben die Krise im abgelaufenen Geschäftsjahr noch nicht in den Griff bekommen. Allianz, Commerzbank, MLP sowie HypoVereinsbank rutschten 2002 teilweise massiv in die Verlustzone.

Auch viele der Technologieunternehmen müssen noch immer Gewinneinbußen hinnehmen. So sieht die Lage beim Chip-Hersteller Infineon nach wie vor wenig rosig aus und die Telekom wies den größten Verlust aus, den je ein börsennotiertes Unternehmen verbucht hat.

Zu den wenigen Gewinnern zählte dagegen im vergangenen Jahr der Pharmakonzern Schering, der seinen Gewinn verdoppelte, sowie die Deutsche Lufthansa, die nach einem Rekordverlust wieder ein deutliches Plus auswies.

Der Irakkrieg und die Wirtschaftsflaute verschärfen dieses Jahr jedoch die Krise in vielen Branchen wieder. Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen rechnet damit, dass wegen des Golfkrieges die Konjunktur länger als erwartet belastet werde und revidierte seine Prognose für die Entwicklung der deutschen Wirtschaftsleistung bereits nach unten.

Auch die Bundesbank glaubt nicht mehr an eine deutliche Trendwende. Mit einer kräftigen Aufwärtsbewegung sei erst 2004 zu rechnen, betonte der Chefvolkswirt der Notenbank, Hermann Remsperger.

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