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15.01.2001

14:53 Uhr

Keine Prionen in Milch und Milchprodukten

BSE-Erreger in der Milch nach Expertenmeinung unwahrscheinlich

Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), wies in Berlin darauf hin, dass es derzeit keinerlei Belege dafür gebe, dass Milch belastet sein könnte. Milchprodukte wie Käse, Quark oder Joghurt gelten als unbedenklich für den Verbraucher.

dpa HAMBURG. Eine BSE-Infektion durch Kuhmilch ist nach Aussagen von Verbraucherschützern und Wissenschaftlern äußerst unwahrscheinlich. Es gebe keinen Grund, die Konsumenten wegen eines möglichen Zusammenhangs zwischen der Milch und dem Rinderwahnsinn in Angst und Schrecken zu versetzen, sagte eine Sprecherin von EU- Verbraucherschutzkommissar David Byrne am Montag in Brüssel. "Milch kann bisher nach Meinung der wissenschaftlichen Experten als Risikofaktor ausgeschlossen werden."

Auch die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), wies in Berlin darauf hin, dass es derzeit keinerlei Belege dafür gebe, dass Milch belastet sein könnte. In dem Bereich gebe es allerdings "viel zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse". Die Forschung in diesem Bereich müsse entschieden vorangetrieben werden, sagte die Ministerin weiter. Damit sei vor allem die Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel beauftragt. Völlig ausschließen könne niemand eine mögliche Belastung von Milchprodukten durch den BSE-Erreger.

In einer 1997 vom wissenschaftlichen Veterinärausschuss veröffentlichten Studie seien 171 Kälber mit 185 000 Litern Milch von BSE-infizierten Kühen gefüttert worden, sagte Prof. Goetz Hildebrandt vom Institut für Lebensmittelhygiene der Freien Universität Berlin am Montag auf Anfrage. Dabei sei kein BSE-Fall diagnostiziert worden. "Nach dem derzeitigen Stand des Wissens gibt es keinerlei Anhaltspunkte für diesen Übertragungsweg."

In Milch und Milchprodukten sind laut Hildebrandt keine Prionen (BSE-Erreger) nachweisbar. Die Nachweisgrenze liege bei unter zehn Stück pro Gramm Milch. Nach derzeitigem Wissensstand der Forscher benötigt es jedoch eine gewisse Mindestmenge an Prionen für eine Infektion. Selbst bei der Annahme, dass Milch winzige Mengen an Prionen enthalte, müsse man über zehntausend Kilogramm Milch BSE- infizierter Tiere trinken, um die Infektionsdosis zu erreichen. Dasselbe gelte für den Verzehr von Muskelfleisch. Ein Gramm Gehirn eines BSE-infizierten Tieres enthält laut Hildebrandt dagegen eine Milliarde Prionen.

"Auch Milchprodukte wie Käse, Quark oder Joghurt gelten als unbedenklich für den Verbraucher", sagte die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Frankfurt/Main, Karin Möhrlin. Trockenmilcherzeugnisse wie Babynahrung seien ebenfalls aus reiner Milch hergestellt. Milch sei auch in pulverisierter Form nicht bedenklich. Bereits in der vergangenen Woche hatten Prof. Ueli Braun (Zürich) und der BSE-Forscher Prof. Hans Kretzschmar (München) gesagt, dass Milch BSE-kranker Tiere "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" nicht infektiös sei.

Den britischen Plan für neue Studien mit einer größeren Zahl an Kälbern hält Hildebrandt für schwer realisierbar. "Es ist schwierig, praxisadäquate Untersuchungen durchzuführen, weil kaum natürlich infiziertes Material dazu zur Verfügung steht." Britische Behörden möchten untersuchen, ob BSE durch Milch übertragen werden kann. Es gebe jedoch keine Hinweise auf eine Infektionsgefahr für die Kälber durch Kuhmilch.

Milchaustauscher - ein mit tierischen Fetten angereicherter Milchersatz für Kälber - kann nach Expertenmeinung dagegen als Überträger für BSE in Frage kommen. Nach Auskunft der Münchner Lehrstuhl-Inhaberin für Tierernährung, Prof. Ellen Kienzle, sind die BSE-Erreger höchstwahrscheinlich fettlöslich. Sie könnten bei der Extrahierung von Tieren zu Tierfett im Fett verbleiben und so in den Milchaustauscher gelangen. Tierische Fette dürfen in Deutschland inzwischen nicht mehr in Kälberfutter gegeben werden.

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