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12.03.2003

07:17 Uhr

Keine Rückkehrgarantien auf den gleichen Job

Antreten zum Karriererückschlag

VonK. Dunham (K. Maher, Wall Street Journal, und T. Knüwer, Handelsblatt)

Bis zu 250 000 Reservisten könnte die US-Armee zum Golfkrieg einberufen. Für die meisten von ihnen bedeutet dies einen großen Schritt zurück im zivilen Job.

Der Anruf, der Rick Figulys Karriere verändern wird, kam an einem Montag im Januar. Überrascht war der Portfolio-Manager der Bank One Investment Advisors aus Columbus, Ohio, nicht: Er hatte damit gerechnet, dass seine Einheit der National Guards zum Dienst einberufen würde.

Seit 17 Jahren ist Figuly Reservist, sieben Monate davon aktiv während des Golfkriegs. Sein Rang: Captain beim 371. Korps des Army-Nachschubs.

Doch mit 37, kurz vor dem zehnjährigen Dienstjubiläum bei der Bank One, verlässt er seinen Schreibtisch mit mehr Magengrummeln als früher: "Ich vermisse mein Leben hier schon jetzt. Ich dachte, meine Karriere würde prima laufen. Wenn der Einsatz länger als ein Jahr dauert, ist das für mich definitiv ein Rückschlag."

Die Aktivierung Zehntausender Reservisten zeigt ihre Wirkung: Karrieren werden unterbrochen, die Statik in den Unternehmen beginnt zu wackeln, gut laufende Arbeitsrhythmen gehen verloren - und das mitten in der Krise. Bis zu 250 000 Reservisten könnte die Mobilmachung aus dem bürgerlichen Job reißen.

Unternehmen versuchen, die Lücken möglichst schnell wieder zu besetzen. Doch auch sie wissen nicht, wie lang die Mitarbeiter fehlen und wie viele noch gehen werden. "Was wir wirklich brauchen, ist mehr Information", klagt Beverly Casey, Personalchefin beim Immobilienmakler Towne Properties in Cincinnati. "Jede Ahnung, wie lange die Mitarbeiter uns fehlen, würde schon helfen."

Die Kommandozentrale der National Guard and Reserve behauptet, ihr Möglichstes zu tun in Sachen Information. Doch darf die Armee die Reservisten nicht mal nach ihrem Arbeitgeber fragen - aus Datenschutzgründen, sagen die Rechtsexperten des Verteidigungsministeriums.

Die Betroffenen haben häufig ebenfalls keine lange Vorbereitungszeit. Ausbaden müssen das Kollegen, die zur Mehrarbeit verdonnert werden. Selten haben sie dafür so viel Vorlauf wie Bob Anderson, Partner der kleinen Anwaltskanzlei Rallis & Anderson im kalifornischen La Habra. Er belegte Abendkurse in Schadensersatzrecht, um dieses Fachgebiet vorerst von seinem Partner Ronald Rallis zu übernehmen. Eigentlich ist Anderson spezialisiert auf Insolvenzrecht.

Rallis ist mittlerweile schon bei der Armee, und Anderson stellt fest: "Das ist stressiger als gedacht." Nachdem er praktisch alle Fälle selbst bearbeiten muss, hat er sein Privatleben drastisch gekürzt: weniger Sport, weniger Kirche, weniger Zeit für seine Frau und die drei Kinder. "Die Ungewissheit, wann Rallis zurückkommt, ist entnervend."

So wie Rallis & Anderson trifft es vor allem die kleinen Firmen hart, wenn die Mobilmachung erfolgt. Der Spielzeughersteller DSI Toys muss zwar nur auf einen seiner 45 Angestellten verzichten - doch der ist stellvertretender Controlling-Chef und fehlt mitten im Jahresabschluss. "Jetzt muss halt jeder seine Ärmel aufkrempeln", sagt DSI-Vizepräsident Tom Yarnell.

Mitarbeiter von Großunternehmen haben ein anderes Problem: Personal wird abgebaut, Firmen geben sich neue Strukturen - so mancher Reservist wird seinen Brötchengeber nicht wiedererkennen, kehrt er zurück.

So erging es Nancy Wong im vergangenen Sommer. Die Kommunikationsspezialistin von Electronic Data Systems und Majorin der Air National Guard wurde drei Monate lang eingezogen. In der Zwischenzeit verkündete ihr Arbeitgeber den Abbau von 2 000 seiner 14 000 Mitarbeiter. Als Wong zurückkam, war ihr Arbeitsplatz zwar sicher, doch ihre Arbeit hatte sich drastisch geändert. Die Kollegen konnten sich früher drauf vorbereiten - und zogen karrieretechnisch an ihr vorbei. Nun drohte die nächste Auszeit: "Zum ersten Mal sorge ich mich um den Effekt, den mein Reservisten-Dasein auf mein ziviles Leben haben könnte."

Die Unsicherheit beherrscht alle Einberufenen mit Karriereambitionen. Nach US-Recht müssen die Arbeitgeber zwar eine Arbeitsstelle bis zur Rückkehr bereithalten - es muss aber nicht die gleiche sein wie zuvor und auch nicht mit dem gleichen Gehalt.

Noch nicht einmal der Standort ist garantiert: So weist die Handelskette 7-Eleven extra darauf hin, dass ein Umzug im Rahmen des Möglichen ist. Auch gibt es keine Sicherheit, dass ein Mitarbeiter, der in der Militärzeit abgebaut worden wäre, diesen Schutz ebenfalls genießt.

"Das Risiko ist da, dass wenn man zum Mutterschiff zurückkehrt, das Leben weitergegangen ist", sagt Robert Godlewski, Sprecher bei UPS. Der Paketriese hat ausgedehnte Pläne, um Mitarbeiter zu schulen, sehr schnell den Job eines anderen zu machen.

Hart trifft die Teilzeitsoldaten auch der finanzielle Verlust. Oft liegt der Sold unter dem zivilen Gehalt, reicht nicht mal für Kranken- oder Lebensversicherung. Einige Arbeitgeber zeigen sich generös: So übernimmt Boeing die gesamten Versicherungen und zahlt die Differenz zwischen Sold und Gehalt. Bei Oracle gibt es dies nur für sechs Monate, beim Online-Auktionator Ebay nur vier.

Die Beratung Booz Allen Hamilton garantiert Reservisten, dass sie mit dem gleichen Gehalt wieder einsteigen können wie zuvor - aber nicht mit der gleichen Führungsverantwortung, sagt Principal Melissa Hathaway: "Man muss sich wieder neu beweisen. Es kann zwei Jahre dauern, bis man die Folgen dieser Abwesenheit überwunden hat."

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