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10.01.2003

10:39 Uhr

Kettenreaktion durch Dollar-Verfall

Krisenstimmung beflügelt Euro und Gold

VonRegine Palm und Ulf Sommer (Handelsblatt)

Der Goldpreis und der Kurs des Euros markierten am donnerstag neue Höchststände. Zwar fielen beide danach wieder etwas ab. Doch Experten sind sich einig: Die Rally geht weiter. Dabei profitiert der Kurs des Edelmetalls nicht nur vom drohenden Irak-Krieg, sondern auch vom Verfall des Dollars. Die Anlage in Gold wird günstiger.

DÜSSELDORF. Der Dollar-Verfall löst eine Kettenreaktion aus. Gold und Euro werden teurer. Die Aktienkurse fallen seit Tagen, erholen sich immer nur sporadisch. Auslöser für die Spirale sind die Angst vor einem Irak-Krieg und die Sorge vor negativen Folgen des US-Konjunkturprogramms, das US-Präsident George W. Bush zu Beginn der Woche angekündigt hatte. Der Euro kletterte gestern in der Spitze auf 1,0539 $ und damit auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Im Tagesverlauf fiel der Kurs allerdings wieder unter die Marke von 1,05 Dollar zurück. Grund waren die festen US-Börsen, die dem Greenback Auftrieb gaben. Gold erreichte am Donnerstag mit 357,18 $ vorübergehend das höchste Niveau seit Januar 1997 und gab später ebenfalls etwas nach.

Die Tendenz "Raus aus Aktien - rein in Anleihen" trifft die US-Märkte besonders hart. Weltweit entfallen auf die USA beim Aktienvolumen 55 %, bei Anleihen sind es nur 35 %. Da Anleger in unsicheren Zeiten gerade Aktien verkaufen, sind die Amerikaner überproportional vom Kapitalabfluss betroffen. "Durch die Umschichtung in Bonds verlieren die USA und damit der Dollar an Gewicht", sagt Rolf Elgeti, Europa-Stratege der Commerzbank Securities.

Verstärkt wird der Dollar-Abfluss, seitdem Anleger nach der Präsentation des 670 Mrd. Dollar schweren Wirtschaftsprogramms von US-Präsident George W. Bush ein "Doppeldefizit" fürchten: Die Kombination aus hohem Leistungsbilanzdefizit und hoher Verschuldung hatte schon in den achtziger Jahren zur Abwertung des Dollars geführt.

Vom fallenden Dollar profitiert Gold. Für Anleger in Europa und Fernost wird ein Engagement deutlich günstiger, weil das Edelmetall in der Leitwährung notiert. Hinzu kommt die steigende Nachfrage auf Grund des drohenden Irak-Kriegs. Nach Beobachtungen von Gerhard Grebe, Chefstratege bei Julius Bär Kapitalanlage, spielt der mögliche Krieg im Irak in den Überlegungen der Anleger eine große Rolle. Dies sehe man auch daran, dass sie sich nicht klar und längerfristig positionierten und möglichst schnell Gewinne mitnähmen. An dieser Konstellation werde sich voraussichtlich auch noch nichts ändern. Entsprechend volatil dürfte die Märkte bleiben. Aufschluss könnte der 27. Januar bringen, wenn der Chef der Uno-Waffeninspektoren, Hans Blix, seinen Bericht über die Rüstungskontrollen im Irak vorlegt.

"Gold ist eindeutig ein Risiko-Indikator", sagt Grebe. Anders als der Dollar werde Gold als "sicherer Hafen" gesucht. Mit Erleichterung würden Grebe zufolge die Märkte reagieren, sollte es keinen Krieg geben. Das wäre das "schönste Konjunkturprogramm für die Weltwirtschaft". Zunächst dürfte die US-Wirtschaft profitieren, Europa werde schnell nachziehen. Bis Ende 2003 sieht Julius Bär den Euro bei 1,10 $. Nach Ansicht von Grebe ist sowohl im Gold- wie auch im Ölpreis eine Risikoprämie enthalten. Bei Öl wird dieser Aufschlag auf 5 bis 7 $ geschätzt.

Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, Leiter Edelmetall- und Rohstoffhandel, von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) in Frankfurt, bleibt ungeachtet eines möglichen Irak-Krieges optimistisch für Gold. So habe die Nachfrage privater Investoren deutlich zugenommen. Preisrückschläge würden als "Kaufgelegenheiten" genutzt. Unterstützung erhalte Gold auch durch das geringere Angebot der Minen und von der Währungsseite. Zweifel hegt der DKW-Experte an der Rolle des Goldes als Krisenmetall. Zwar räumt er ein, dass im Preis ein Risikoaufschlag von bis zu 15 $ enthalten sein könnte. Doch auch unabhängig eines möglichen Krieges sei das Umfeld positiv für Gold. Sollte die Irakkrise gelöst werden, sei nur kurzfristig ein Preisrückgang zu erwarten. Noch für die erste Jahreshälfte sieht er den Preis bei bis zu 420 $ je Unze. Das konservative Kursziel von Klaus Deppermann von der BHF ING-Bank liegt bei 390 bis 400 $.

Zusätzlichen Auftrieb bekommt der Goldpreis durch die geringe Liquidität. Anleger können nicht nur physisch in Gold investieren, sondern auch über Goldminenaktien, Zertifikate und Terminkontrakte. "Wenn weltweit große institutionelle Adressen ihr Depot nur mit 5 % Gold bestücken, kann der Goldpreis durch die Decke gehen", sagt Deppermann.

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