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06.01.2003

09:23 Uhr

Kinder größter Karrierekiller

Kampf an allen Fronten

VonClaudia Tödtmann (Handelsblatt)

Eine aktuelle Studie liefert wenig Hoffnung für Frauen im Job: Wenig Unterstützung gibt es von Chefs oder Kollegen – und erst recht nicht vom Partner.

Wie wäre das Jahr 2002 ausgegangen, hätten einige Männer nur auf Frauen gehört? Der Anschlag auf das World Trade Center wäre vereitelt worden, Enron hätte sich retten können, vielleicht auch Worldcom.

Spinnerei? Nein, traurige Wahrheit.

Drei Frauen hat das US-Magazin „Time“ zu den Menschen des Jahres erklärt. Alle drei hatten versucht, sich über Hierarchien hinweg Gehör zu verschaffen, alle scheiterten: FBI-Mitarbeiterin Coleen Rowley forderte Wochen vor dem Attentat vom 11. September eine genaue Untersuchung eines späteren Attentäters; Sherron Watkins warnte Enron-Chef Ken Lay frühzeitig vor Bilanzproblemen; und Cynthia Cooper informierte den Aufsichtsrat von Worldcom über 3,8 Milliarden Dollar, die falsch gebucht seien.

„Wir brauchen uns nichts vormachen: Unsere Welt ist eine Männerwelt“, urteilt Barbara Hartmann, Partnerin der Personalberatung Heidrick & Struggles in München.

In der deutschen Wirtschaft sieht es für Karrierefrauen in der Tat erbärmlich aus. Eine Studie der Universität Hamburg belegt: Obwohl 40 Prozent aller Akademiker weiblich sind, stellen sie nur elf Prozent aller Chefs. In die Vorstände der Dax-30-Unternehmen hat es bislang keine Frau geschafft, in den Führungspositionen der großen Aktiengesellschaften tummeln sich nur sechs Prozent. Im MDax sind es zumindest zehn Prozent: Dort sind Modeunternehmen vertreten, bei denen es überdurchschnittlich viele Frauen an die Spitze schaffen.

Wie schwer es Karrierefrauen haben, belegt eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Europressedienst aus Bonn, die Handelsblatt Karriere & Management exklusiv vorliegt. Frauen müssen an allen Fronten gleichzeitig kämpfen – sogar an der Heimatfront: 70 Prozent der Frauen in Führungspositionen stellen sich die Ehemänner oder Partner entweder passiv oder sogar aktiv in den Weg.

Michael Forst, verantwortlich für die Studie, meint: „Viele Männer sind neidisch auf ihre erfolgreichen Frauen.“ Folge: Sie bestärken ihre Partnerin nicht, sondern machen ihr das Leben schwer – mit Vorwürfen, Nörgeleien und indem sie die Frauen mit dem Haushalt alleine lassen. Kurz: Entlastung gleich null.

Europressedienst befragte für seine Studie 1 500 Frauen in Führungspositionen. Davon arbeiten 67 Prozent als Abteilungs- und Projektleiter, 14 Prozent als Selbstständige, sieben Prozent als Filialleiter, sieben Prozent als Führungskräfte im öffentlichen Dienst und sechs Prozent als Geschäftsführerinnen. 72 Prozent von ihnen sind Akademikerinnen.

Das überraschende Ergebnis der Befragung: Die Eltern sind in 50 Prozent der Fälle diejenigen, die die Karrieren ihrer Töchter fördern. Das bestätigt zum Beispiel Sigrid Baum, Geschäftsführerin beim Tiefkühlkostproduzenten Bofrost im rheinischen Straelen: Ihre Mutter ist es, die ihr an erster Stelle und über all die Jahre kontinuierlich Beistand leistete.

Fazit der Umfrage: „Frauen müssen einen stetigen Kampf ausfechten, um sich gegenüber den männlichen Kollegen durchzusetzen.“ Die direkten Vorgesetzten tun sich übrigens wenig als Förderer hervor, gerade mal 30 Prozent der Frauen fühlen sich von ihnen unterstützt.

Je härter die Zeiten werden, umso mehr verschärft sich der Ton zwischen ihnen und den Männern. Umso mehr müssen sie gegen Vorurteile kämpfen, auch von Kollegen, die ihnen früher kooperativ begegneten. Gabriella Schnitzler, Geschäftsführerin von Louis Vuitton Deutschland, ist entrüstet, dass „nicht nur reife, sondern auch junge Männer Frauen diskriminierend behandeln“.

Die Folge: Vor allem dürfen sich Frauen keine Schwäche anmerken lassen. Jede zweite klagt über mehr Stresssymptome, seit sie in leitender Funktion tätig ist. Die erschreckende Folge: Spielt die Gesundheit nicht mit, halten Karrierefrauen allzu oft mit Tabletten dagegen: 73 Prozent nehmen etwa regelmäßig Medikamente, für Sport als Gesundheitsschutz und Frustabbau bleibt ihnen keine Zeit.

Die größten Karrierekiller sind laut Europressedienst-Umfrage Kinder – das sagen 35 Prozent der befragten Frauen. Die Karriere komme durch die Unterbrechung im Mutterschutz zum Stillstand, es fehlt an Betreuungsmöglichkeiten und entsprechend eingestellten Partnern.

Ganz abgesehen von der mangelnden Zeit: „Bei einem Pensum von 70 Wochenstunden bleibt für Kinder keine Zeit“, meint Bofrost-Chefin Baum, die sich „bewusst für Karriere und gegen Kinder entschieden“ hat. So bleibe sie vom Arbeitgeber unabhängiger, könne „kompromissloser auftreten und jederzeit gehen“.

Dass dieses „Entweder-oder“ nicht sein muss, zeigt ein Blick nach Frankreich: Dort haben es Karrierefrauen mit Kindern weniger schwer. Ob frau Kinder hat oder nicht, ist im Firmenalltag gar kein Thema, beobachtet eine Deutsche im Chemieunternehmen Aventis in Straßburg.

Wie hart der Job für deutsche Karrieristinnen ist, bringt ein weiteres überraschendes Ergebnis der Umfrage an den Tag: 15 Prozent der Befragten ist nicht nur ein Kind zu viel an Belastung neben ihrem Beruf – sondern auch ein Partner.

Zumindest Personalberaterin Hartmann von Heidrick & Struggles gibt aber nicht auf: „Die Old-Boys-Networks, die gibt es – es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange noch.“ Sie hofft auf einen Wandel, wenn die Generation der gut ausgebildeten Frauen über das Mittelmanagement herauskommt – in rund sechs Jahren.

Vielleicht behält sie Recht, immerhin fiel kürzlich eine echte britische Männerbastion: Die Cambridge-Universität ernannte die 54-jährige Anthropologie-Professorin Alison Richard zur Vize-Kanzlerin. Sie wird die nächsten sieben Jahre die Geschäfte der Hochschule leiten – als erste Frau nach 800 Jahren.

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