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17.04.2003

08:49 Uhr

Kleinerer Kader beim FC Bayern

Rummenigge hofft auf den Abschied von Sat 1

VonErich Ahlers und Martin Buchenau

Karl-Heinz Rummenigge trägt, sagen wir mal, eine eher voluminöse Uhr am Handgelenk. Ob es sich dabei um ein besonders wertvolles Stück handelt? "Geht so", antwortet der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG. Für manche, so erklärt der passionierte Uhrensammler, sei das eben schon ein außergewöhnliches Stück, für andere nicht. Alles eine Frage der Warte. Oder besser: der finanziellen Verhältnisse.

Karl-Heinz Rummenigge gibt sich streitbar. Foto: dpa

Karl-Heinz Rummenigge gibt sich streitbar. Foto: dpa

MÜNCHEN. Beim prominentesten deutschen Fußballverein sind sie gewiss nicht schlecht. Aber, und das geben die Herren von der Säbener Straße im Münchener Stadtteil Harlaching auch zu, es gab mal bessere Zeiten. Früher, in jenen seligen Zeiten des Neuen Marktes, als die allzu forsche Denke dieses Börsensegments auch die Fußballbranche erfasste. Vor allem, wenn es ums Thema Bezahlfernsehen ging. "Es stimmt, der heutige Status hinkt der prognostizierten Entwicklung hinterher", sagt Rummenigge im Handels- blatt-Gespräch. Der 47-Jährige diagnostiziert "große Marketingfehler" und "erhebliche Unterschiede zwischen dem deutschen und englischen Markt".

Der Glaube ans Pay-TV aber ist dennoch nicht abhanden gekommen. "Die Bedeutung wird zunehmen. Der Kofler wird es schaffen, Premiere zu etablieren. Und er weiß, dass das Vehikel Fußball dabei eine Protagonistenrolle einnimmt", prophezeit Rummenigge. Deutschland sei unter den großen europäischen Fußball-Nationen "der mit Abstand schwächste Fernsehmarkt. Das kann uns nicht befriedigen".

Die Feststellung, dass viele Beteiligte derzeit kleinere Brötchen backen müssten, zum Beispiel die von Günter Netzer und Robert Louis-Dreyfus vertretene Infront AG, mag der Bayern-Vorstandschef so nicht stehen lassen. "Abwarten", sagt er und betont, dass für den stockenden Verkauf der Bundesliga-Rechte ab nächster Saison noch nicht aller Tage Abend sei.

Mag sein. Fakt ist aber, dass den rarer gewordenen Interessenten das Portemonnaie nicht mehr so locker sitzt. Sat 1 hat 40 Millionen Euro und damit die Hälfte des bisherigen Preises geboten. Der Anbieter der Bundesliga-Sendung "ran" ist aber eh nicht Rummenigges Favorit: "Wissen Sie, was mich stutzig gemacht hat? Als ich die Quoten vom ersten Sonntag des Irak-Krieges gesehen habe. RTL zwölf Millionen, Sat 1 1,2 Millionen Zuschauer."

Der Ex-Nationalspieler ist "nicht davon überzeugt, dass Sat 1 sein Produkt perfekt vermarktet". Früher sei das anders gewesen, gerade beim Fußball. "Als damals Reinhold Beckmann ,ran? gemacht hat, war das sensationell. Anschließend ging es time by time abwärts." Die Zeit sei reif für eine Trennung: "Manchmal ist ein Wechsel ganz gut - auch beim Fernsehen."

Abschied nehmen wollen die Bayern auch von personellen Auswüchsen. Rummenigge kündigt an, dass der Bayern-Kader in der kommenden Saison von kleinerem Format sein wird. Statt 26 Profis plane man nur noch mit 22 Akteuren. "Das sind schon mal vier Gehälter weniger. Wir wollen Kostenreduzierungen in der Größenordnung von zehn bis 20 Prozent erreichen", betont der Münchener Vorstandschef.

Der will künftig einerseits auf die Jugend setzen, andererseits aber auch einen Traum verwirklichen: "Es ist gut möglich, dass wir mal einen Star einkaufen." Und er definiert den Begriff. "Für mich ist ein Star Zidane, Roberto Carlos oder Raul. Das ist pure Weltklasse. Ob sie mal nach Deutschland kommt, daran müssen wir arbeiten."

Der ganz große Name reizt die Bayern. "So einer bringt mehr Fokus", glaubt Rummenigge. Dumm nur, dass der Traum vom Superstar wohl vorläufig nicht realisierbar ist. "Der einzige Markt bei den Transfers, der nicht eingebrochen ist, ist der bei den Topspielern", sagt der Boss der FC Bayern AG. Bei den Mittelklasse-Profis sei das anders: "Alle warten nur darauf, dass Verträge auslaufen, um dann die Gehälter gnadenlos nach unten zu fahren." Wo einst die Klubs Bittsteller bei den Spielervermittlern waren, seien nun die Rollen getauscht worden. "Die Agenten sind auf der Suche nach Vereinen, die noch Cash in der Kasse haben."

Dazu gehört der Rekordmeister. Auch wenn das frühe Aus in der Champions-League zwölf Millionen Euro gekostet hat, auch wenn nach der Kirch- Pleite vier Millionen Euro weniger an TV-Geld flossen. Ganz zu schweigen von den drei Millionen aus dem just von der DFL bestraften Geheimvertrag mit Kirch, die abzuschreiben waren.

Rummenigge mag dennoch nicht daran glauben, dass auf den Fußball im Allgemeinen und seinen Klub im Besonderen eine Eiszeit wartet. "Es ist ein Märchen, dass der Fußball nicht refinanzierbar ist. Im Sponsoring und im Merchandising haben wir noch Steigerungen. Es gibt nur einen Bereich, der schwächer ist, nämlich die TV-Vermarktung." Der aber ist der wichtigste.

Dabei ist der Unterhaltungswert der Liga unverändert hoch. Die Bayern necken die Dortmunder, der BVB nicht minder lustvoll die Bajuwaren. "Im Prinzip haben wir keine Probleme miteinander", behauptet Karl-Heinz Rummenigge. "Ich habe ohnehin beschlossen, nichts mehr in Richtung Borussia zu sagen - keine Scharmützel, keine süffisanten Konter." Und wenn beide Klubs denselben Spieler verpflichten wollen? "Dann wird gefightet."

In seinem Büro hängt übrigens ein Spruch des früheren Liverpooler Trainers Bill Shankley: "Einige Leute denken, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht. Es ist viel ernster als das." Könnte sein, dass in Dortmund ausnahmsweise niemand widersprechen würde.

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