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14.02.2002

11:48 Uhr

Klose der große Gewinner.

Jubelarien nach dem Kantersieg

Sieben deutsche Tore in einer Halbzeit gab's zuletzt vor 33 Jahren, nie zuvor kassierte Israels Auswahl eine höhere Niederlage: Der Blick in die Fußball-Geschichtsbücher unterstreicht, dass die 7:1-Gala auf dem Kaiserslauterer Betzenberg alles andere als ein normales Spiel war.

dpa KAISERSLAUTERN. Lang, lang ist's her, dass eine deutsche Mannschaft ein vergleichbares Kompliment erhielt wie jenes, das Israels Trainer Richard Möller-Nielsen aussprach. "Was wir in der zweiten Halbzeit gesehen haben, war mehr als Fußball in Vollendung", schwärmte der Däne schwer beeindruckt.

So weit wollte denn Rudi Völler nach dem höchsten Erfolg seiner Amtszeit nicht gehen. Doch auch der Teamchef attestierte seinen Schützlingen: "Das sah richtig toll aus." Vor allem lieferte die Partie dem 41-Jährigen die Erkenntnis, dass die Mannschaft den Schwung und die Moral aus den aufwühlenden Relegationsspielen gegen die Ukraine ins WM-Jahr mitgenommen hat. Und dass die Spieler den von ihm eröffneten Konkurrenzkampf um die WM-Plätze angenommen haben. "Jeder hat gezeigt, dass der Trainer bei der WM auf ihn zählen kann", urteilte Ex-Kapitän Oliver Bierhoff, der sich nach seiner Einwechslung ebenfalls am Torfestival beteiligte.

Insofern war es lediglich für jene elf Profis, die verletzt oder erkrankt abgesagt hatten, ein Schritt zurück. Den größten Sprung nach vorn machte indes der dreifache Torschütze Miroslav Klose, dessen ersten beiden Treffer innerhalb von 120 Sekunden die Wende einläuteten. "Was mir in 90 Länderspielen nicht gelungen ist, hat er heute geschafft", gratulierte Völler dem Lokalmatadoren zum "Dreier- Pack" - ein Kunststück, das zuletzt Christian Ziege vor zweieinhalb Jahren in Dortmund beim 4:0 gegen Nordirland gelang.

Zweite Halbzeit versöhnte die Fans

Da waren auch die knapp 25 000 Zuschauer versöhnt, die trotz Dauerregens und extremen Sicherheitskontrollen zum Betzenberg gepilgert waren und zur Halbzeit befürchten mussten, dass sich der Weg nicht gelohnt hat. Der 0:1-Rückstand zur Pause habe ihn überhaupt nicht beunruhigt, analysierte Völler später: "Es gab keinen Grund, in der Kabine ausfallend zu werden. Denn mir war klar, dass wir das Spiel umdrehen würden, wenn wir weiter so druckvoll spielen würden."

Gesagt, getan: Während sich seine Rumpfelf in einen "gewissen Rausch spielte" (Völler), brachen die Israelis auf dem schweren Boden konditionell ein und gaben sich am Ende regelrecht auf. "Es wäre schön, wenn die Spieler Kraft für 90 Minuten auf höchstem internationalen Niveau hätten", sprach Möller-Nielsen, der von Teilen der israelischen Medien zum Rücktritt aufgefordert wurde, die physischen Mängel im Team des Weltranglisten-49. unverblümt an. Der Däne, mit seinem Heimatland im EM-Finale 1992 gegen Deutschland Überraschungssieger, attestierte dem DFB-Team indes höchsten Standard: "Wir hatten in der WM-Qualifikation keinen solch starken Gegner in der Gruppe - auch Spanien war gegen uns nicht so schwungvoll wie Deutschland", so Möller-Nielsen, der als Israel-Coach weitermachen will und trotz des Rückschlags nicht an Rücktritt denkt.

Uwe Seeler dämpft die Euphorie

Angesichts der überschäumenden Jubelarien für die erst in Halbzeit zwei überzeugenden Sieger hielt es Ehrenspielführer Uwe Seeler für angebracht, die Euphorie etwas zu dämpfen. "So viel Platz wie in der zweiten Halbzeit kriegen unsere Jungs nie wieder", analysierte der einstige Weltklassestürmer, in dessen Ära beim 12:0 gegen Zypern 1969 in Essen letztmals sieben Tore in einer Halbzeit erzielt wurden. Auch Bierhoff pflichtete "Uns Uwe" bei. "Siege gegen solche Gegner sind gut für die Moral und das Selbstvertrauen. Aber wir dürfen das nicht überbewerten", sagte der Legionär des AS Monaco: "Wir müssen bis zum Spiel gegen Argentinien warten, um zu sehen, wo wir stehen."

Erst dann wird auch das auf viel Risiko ausgelegte Spielsystem von Völler auf den Prüfstand kommen, falls sich der Teamchef weiterhin dafür entscheidet, in der Abwehr auch gegen stärkere Gegner Mann gegen Mann ohne Absicherung spielen zu lassen. Ehe es im Stuttgarter Daimler-Stadion am 17. April gegen den zweimaligen Weltmeister zum einzig wahren Härtetest vor der WM kommt, trifft die DFB-Auswahl am 27. März in Rostock noch auf die USA. Dann ist auch Oliver Kahn die Bürde los, die ihn bei seiner Premiere als offizieller Spielführer zum Eigentor verleitete: "Wenn man zum ersten Mal Kapitän ist", so der Münchner Torhüter schmunzelnd, "muss man auch sein Tor machen."

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