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28.01.2003

10:13 Uhr

Kluge Kleider verbinden Elektronik und Mode

Kleidung wird digital

VonCatrin Bialek

Viele Unternehmen entwickeln so genannte Smart Clothes. Die Kleider können funken, die Körpertemperatur regulieren oder auch massieren. Jetzt geht es darum, die Prototypen in den Markt zu bringen.

PADERBORN. Auf dem Weg zur Arbeit hat die Geschäftsfrau eine zündende Idee. Sie klappt ihren Blazerärmel auf, darunter kommt eine Tastatur zum Vorschein. Schnell tippt sie ein paar Zeilen, speichert, drückt einen Knopf an ihrem anderen Ärmel und schickt das Ganze per E-Mail an ihren Kunden. Kluge Kleidung mit einem Innenleben aus Elektronik, so genannte Wearables, sind zwar hier zu Lande noch nicht in den Läden erhältlich, doch in den Laboren von Unternehmen und Instituten wird seit einigen Jahren kräftig an ihnen geforscht.

"Die Grundlagenforschung ist gelegt", sagt Stefan Jung von Infineon Technologies. Jetzt gehe es darum, die Produkte auf den Markt zu bringen. Infineon hat unter anderem eine Jacke mit integriertem MP3-Player kreiert: Der winzige MP3-Player wird in Kunststoff eingekapselt und hat eine Größe von drei Quadratzentimetern. Gewebebänder mit eingearbeitetem Kupferdraht, der nicht dicker als ein Haar ist, verbinden den Player mit Kopfhörer, Mikrofon und Tastatur. "Aus unserer Sicht könnten in zwei Jahren erste Anwendungen auf dem Markt sein", meint Jung. Doch da müsse auch die Modebranche mitziehen, und die tickt, das weiß Jung inzwischen, ganz anders als ein Halbleiterunternehmen.

"Der deutsche Markt wird ziemlich groß sein", schätzt Jung. Denn neben der Mode für Endverbraucher gebe es auch den Gesundheitsbereich, für den ebenfalls Smart Clothes erfunden werden. Die Universität Regensburg hat beispielsweise eine Weste für Notärzte entwickelt, mit deren Hilfe die Mediziner schnell per digitalem Datenfunk ihre erste Diagnose und weitere Daten an das nächste Krankenhaus senden können.

Auch das Klaus Steilmann Institut (KSI) beschäftigt sich damit, wie man kluge Kleidung für mehr Sicherheit nutzen kann. Dabei kam "Kiss-Tex" heraus, ein Notrufsystem, das in Kinderkleidung genäht wird. Im Notfall können die Kinder an einem Klettverschluss reißen, dieser löst einen Alarm im Elternhaus aus. Mobilfunk und das Navigationssystem GPS - das Postitionen über Satelliten ortet - ermöglichen schnelle Hilfe. "Das Produkt könnte in zwei bis drei Jahren auf dem Markt sein", schätzt KSI-Sprecherin Dörte Hartmann.

Seit mehr als sechs Jahren forscht das KSI an der Schnittstelle von Kleidung und Elektronik. Die Wissenschaftler haben zum Beispiel ein so genanntes Umwelt-Monitoring-Jacket entwickelt, das mit Gas- und UV-Sensoren, Röntgendetektoren, Temperatursensoren und vielem mehr ausgestattet ist. "Wir müssen nun herausfinden, welche Anwendungen für den Markt überhaupt wichtig sind", sagt Hartmann. Das KSI hat auch zahlreiche Prototypen entwickelt, bei denen Kommunikationssysteme in Kleidungsstücke integriert wurden. In einer "Businesskollektion" etwa sind neben Mobiltelefon und Börsenpager auch ein Staumelder im Futter untergebracht.

Der Bereich Kommunikation ist bei der Entwicklung intelligenter Kleidung am weitesten fortgeschritten. Ein weiterer Forschungsbereich sind Komponenten, die das Wohlbefinden des Kleidungsträgers steigern. So hat der Modehersteller Schöffel beispielsweise eine Jacke fabriziert, die über ein Ventil mit Luft gefüllt werden kann. Auf diese Weise kann die Temperatur am Körper reguliert werden. Ähnlich funktioniert auch eine Jacke der Bekleidungsfirma Sympatex, in deren Daunen Luftkammern eingebettet sind.

Die Italienerin Alexandra Fede kümmert sich hingegen vor allem um intelligente Kleidung für Damen. Sie hat ein Abendkleid entworfen, in das kleine Vibrationsflächen eingearbeitet sind. Über schmale Kabel sind die "Vibra Pads" mit einer Bedienerleiste verbunden. Ein kurzer Knopfdruck und die gestresste Ballbesucherin erhält eine beruhigende Massage.

Fede hat außerdem eine Kollektion aus einer Carbon-Faser kreiert, die elektromagnetische Strahlung abweist. Auch das Bochumer KSI hat eine derartige Anti-E-Smog-Kleidung entwickelt. Dabei haben sie eine Faser benutzt, die zuvor metallisiert worden ist. "Das Problem ist es derzeit, die entsprechenden Stoffe als Vorprodukt zu kaufen, um dann gut sitzende Kleidung zu schneidern", erläutert Hartmann.

Einige Produkte werden ihren Weg auf den Markt finden, andere hingegen bleiben Prototypen. So hat etwa die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) einen buchstäblich tragbaren Computer entwickelt: Der Rechner hängt an einem Gürtel, die Tastatur ist handlich klein und der Bildschirm ist millimetergroß und wird an die Brille geklemmt. "Das soll überhaupt nicht auf den Markt", sagt Ingenieur Michael Lauffer, "sondern dient als Grundlage für weitere Forschung."

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