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28.01.2003

22:00 Uhr

Koch kann gute Wirtschaftsdaten vorlegen

Ausländische Anleger vertrauen dem Standort Hessen

VonKlemens Kindermann

Zur Landtagswahl an diesem Sonntag würden Wirtschaftsprüfer den Wiesbadener Regierungsparteien CDU und FDP wohl ein tadelloses Testat ausstellen. Doch was sich nicht von heute auf morgen ändern lässt: Die Struktur der hessischen Wirtschaft ist besonders anfällig für globale Krisen.

DÜSSELDORF. Stolz traten Roland Koch und Ruth Wagner bereits im vergangenen Jahr zur Vorlage ihrer Regierungsbilanz an: "Hessen ist auf dem Weg an die Spitze", verkündeten der CDU-Ministerpräsident und seine Stellvertreterin von der FDP. Vor allen Dingen: Es sei gelungen, Hessen neben Bayern und Baden- Württemberg als Erfolgsland zu etablieren. Das war den beiden Politikern besonders wichtig, denn die Südländer sind der Maßstab, an dem sie sich messen lassen wollen. Nicht umsonst ist Hessen mit dem Süden bei den Verhandlungen zum neuen Länderfinanzausgleich über weite Strecken zusammen marschiert. Anreizsysteme, die Belohnung von Leistung statt Selbstbedienung aus Solidarverbünden - das sind die gemeinsamen Prinzipien.

Doch zweifellos unterscheiden sich die Herausforderungen Hessens grundlegend von denen der Flächenländer des Südens. Der Ballungsraum Rhein-Main mit dem Großflughafen und Bankenplatz Frankfurt ist von seiner Wirtschaftsstruktur her kaum mit anderen Standorten zu vergleichen. Eine besonders exportorientierte Industrie und eine ausgeprägte Kapitalverflechtung mit dem Ausland sind ein Segen für das Wachstum des Landes, können aber in Krisen der Weltkonjunktur umso schneller Gefährdungen bringen.

Die Bedeutung ausländischen Kapitals belegen Transaktionsstatistiken: So engagierten sich ausländische Anleger im Jahr 2000 noch mit 2,3 Mrd. Euro in Hessen, 2001 waren es sogar mehr als doppelt so viel (fast 4,8 Mrd. Euro). Zugleich ging das Investitionsvolumen für ganz Deutschland deutlich zurück - von 163,7 Mrd. Euro im Jahr 2000 auf 48,9 Mrd. Euro in 2001. Mit anderen Worten, das Ausland brachte Hessen trotz allgemein sinkender Investitionsbereitschaft noch höheres Vertrauen entgegen. Zum Vergleich: Baden-Württemberg musste im gleichen Zeitraum einen Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen um rund ein Drittel hinnehmen.

Ob das so bleibt, ist ungewiss. Denn traditionell stammt das Kapital, welches in das Rhein-Main-Gebiet fließt, vor allem aus den USA. Und dort hat das Vertrauensverhältnis zur Bundesrepublik wegen deren Haltung zum Irak-Krieg einen Rückschlag erlitten, der besonders für Hessen zum Problem werden könnte.

Nach wie vor ist die Vertretung am Finanzplatz Frankfurt zwar für viele ausländische Banken ein Muss. Die Zahl der Auslandsinstitute mit Sitz am Main hat sich denn in den letzten Jahren auch nicht nennenswert verringert. 1990 lag sie bei 115, 1995 bei 137 und im letzten Jahr wieder bei 129. Darüber hinaus hatten im vergangenen Jahr noch 59 ausländische Banken eine Vertretung in Frankfurt.

Dennoch: Wichtige Abteilungen wandern nach und nach in die britische Hauptstadt ab. Damit erfüllen sich die Hoffnungen gerade vieler Landespolitiker auf einen Bedeutungszuwachs der Börse in Frankfurt nicht. Im Wettlauf mit London hat der deutsche Standort keinen Boden gut machen können. "Es ist in unser aller Interesse, Frankfurt zu stärken und der Gefahr des Bedeutungsverlusts im internationalen Wettbewerb der Finanzstandorte vorzubeugen", betonte der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) erst kürzlich. Die Zahlen sprechen für sich: Lange konnte die Deutsche Börse immerhin die Hälfte des Volumens der Marktkapitalisierung der Londoner Börse (LSE) aufbieten, im Boomjahr 1999 sogar 1 428,9 Mrd. Euro (LSE: 2 927,6 Mrd. Euro). Zuletzt jedoch waren es gerade einmal noch 624,4 Mrd. Euro, während die Briten mit einem Volumen von 1 780,2 Mrd. Euro davongezogen sind. Kein Wunder, dass der hessische Wirtschaftsminister die Bundesregierung aufforderte, sich dafür einzusetzen, dass Steuervergünstigungen in London abgebaut werden.

Ein weiteres Problem für Hessen dürfte die starke Exportorientierung der Wirtschaft werden. Im direkten Vergleich mit anderen Bundesländern konnte Koch lange hervorragende Wachstumszahlen für die über 350 000 hessischen Unternehmen und Betriebe präsentieren. In seiner Regierungszeit von 1999 bis 2001 lag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts mit plus 2,9 %, plus 3,1 % und plus 1,5 % (im Vergleich zum Vorjahr) immer deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Im ersten Halbjahr 2002 allerdings gab es einen Rückschlag mit minus 0,5 % (Bundesdurchschnitt: minus 0,4 %).

Zugute halten kann sich Koch allerdings, dass er gute Rahmenbedingungen zur Bewältigung der Krisen geschaffen hat. Auch wenn Hessen ebenso wie andere Bundesländer mit massiven Haushaltsproblemen zu kämpfen hat: Den Schuldenstand hat die CDU/FDP-Regierung in den Jahren 1999 bis 2001 von 4 838 Euro pro Einwohner nur auf 5 134 ansteigen lassen, während der deutsche Länderdurchschnitt von 5 030 auf 5 517 Euro geradezu explodierte. Die Arbeitslosenrate lag im letzten Jahr fast drei Prozentpunkte unter der bundesdeutschen (Grafik links). Und nicht zuletzt: In die Bildung hat die hessische Landesregierung mit der Einstellung von 2 900 Lehrern kräftig investiert.

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