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04.02.2001

14:54 Uhr

Kodizes funktionieren nicht immer

Schutz vor unseriösen Analysten gestaltet sich schwierig

Der Vorstoß der Bundesregierung, Aktionäre durch einen freiwilligen Verhaltenskodex für Analysten vor unseriösen Kaufempfehlungen zu schützen, stößt gleich auf mehrere praktische Probleme.

dpa FRANKFURT/MAIN. Gleich auf mehrere praktische Probleme stößt der Vorstoß der Bundesregierung, Aktionäre durch einen freiwilligen Verhaltenskodex für Analysten vor unseriösen Kaufempfehlungen zu schützen. Aktionärsschützer bezweifeln die Wirksamkeit entsprechender Selbstverpflichtungen; das Deutsche Aktieninstitut (DAI) weist auf das unscharfe Berufsbild hin. Doch nicht nur die Analysten sind ins Visier geraten: Die Medien müssen sich - ebenso wie die Anleger selber - mit dem Vorwurf eines all zu unkritischen Umganges mit Anlageempfehlungen auseinander setzen.

Die neue parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Margareta Wolf (Grüne), will mit dem Vorstoß den Ansehensverlust der Aktie als Anlagemittel auffangen. Als Beauftragte der Bundesregierung für den Mittelstand wolle die Politikerin den Neuen Markt - hier sind gerade junge mittelständische Unternehmen aus Zukunftsbranchen wie der Computertechnologie notiert - und dessen Liquidität sichern, heißt es aus dem Hause von Minister Werner Müller (parteilos).

Wann es aber soweit sein wird, ist noch nicht absehbar: "Wir stehen nicht unter Zeitdruck", sagte eine Sprecherin. Die CDU/CSU - Fraktion im Bundestag hält nach Angaben ihres wirtschaftspolitischen Sprechers Gunnar Uldall staatliche Regelungen für überflüssig. Die bisherigen Bestimmungen reichten aus; beispielsweise sei das Hochschreiben von Aktienkursen schon jetzt strafbar.

Der Bundesverband Deutscher Investment-Gesellschaften (BVI) und die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung (DVFA), ein Zusammenschluss von Kapitalmarktexperten, haben den Vorstoß begrüßt und ihre Mitarbeit angeboten.

"Wir halten das für Augenwischerei", sagt dagegen Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre, denn Kodizes funktionierten nie. Sie hält die Vorstellung von unabhängigen Analysten für eine Illusion. Daher müssten zwingende Verpflichtungen her, um beispielsweise Interessenüberlappungen zwischen Anlagehaus und beurteiltem Unternehmen offen zu legen.

Moderatere Töne schlägt dagegen Petra Krüll, Pressesprecherin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), an: "Wir begrüßen die Initiative sehr." Ein anerkanntes Gütesiegel für Dienstleistungen sei ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn die Regelung "nicht notwendigerweise gesetzlich" sein müsse, sieht sie jedoch Defizite bei der geplanten Freiwilligkeit. Krüll verweist auf zwei Beispiele der Vergangenheit: So hätten der Übernahmekodex oder die Regelung zum Insiderhandel in Gesetzesform gegossen werden müssen.

Gesunde Skepsis ist angebracht

Markus Herdina, Referent beim DAI, weist auf ein anderes Problem hin: "Man müsste klar sagen: Was ist ein Analyst?" Hinzu komme, dass Prognosen von Natur aus unsicher seien. Die DVFA meint, viele selbst ernannte oder von den Medien gekürte Analysten hätten dazu beigetragen, das Berufsbild in Misskredit zu bringen. Dem versucht der Verband mit etwa 1000 Mitgliedern mit fundierter Ausbildung und Ehrengerichtsbarkeit beizukommen.

Wer das DVFA-Diplom erwerben will, muss rund 200 Stunden Fachwissen büffeln und zwei Klausuren bestehen, die ihrerseits über zwei Tage gehen. Sollte ein Analyst die Unabhängigkeit verletzen oder selbstgekaufte Aktien hochschreiben (Frontrunning), drohen Geldstrafen oder Ausschluss. Nach Angaben des DVFA-Pressesprechers Markus Brümmer musste das im letzten Jahr gegründete und von einem Berufsrichter geleitete Gremium noch nicht zusammentreten.

Ins Schussfeld sind allerdings auch die Medien geraten. Friedrich Pfeiffer, Geschäftsführer der Münchner Adig GmbH, -Investment übt Journalistenschelte: "Die Meinung in der Öffentlichkeit wird oft von unprofessionellen Akteuren auf beiden Seiten bestimmt." Auch Aktionärsschützerin Keitel klagt über Redakteure, die unreflektiert Informationen verbreiteten. Ihre Kollegin Krüll stimmt zu: "Vom Journalisten zum Analysten ist es nicht weit." Allerdings hat sie auch die eigenen Schützlinge im Visier, denn diese seien Analysten wie die "blinden Lemminge" hinterher gelaufen. Auch Keitel warnt die Anleger vor zu großer Gutgläubigkeit gegenüber den Finanzmarktgurus: "Man kann nur raten: Sei skeptisch."

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