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28.03.2003

07:00 Uhr

Kolumne Marktwirtschaft: Ordnungspolitik im Handelsblatt

Der Mittelstand muss atmen

VonRoland Berger (Chairman and Global Managing Partner Roland Berger Strategy Cons.)

Nur wenn wir wieder den Mittelstand stärken, kann dieser auch weiterhin das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bleiben und die dringend benötigten Wachstumsimpulse freisetzen.

Die deutsche Wirtschaft ist ohne kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) nicht vorstellbar: Die rund 3,3 Millionen Betriebe und Selbstständigen in Handwerk, industriellem Gewerbe, Handel, Tourismus, Dienstleistungen und freien Berufen schaffen 69 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland. Sie stellen 80 Prozent der Ausbildungsplätze bereit, nehmen 46 Prozent der Bruttoinvestitionen vor und tragen mit 57 Prozent zur Bruttowertschöpfung aller Unternehmen bei. In vielen Zukunftsbranchen wie IT/Software, Biotechnologie, Mikrosystemtechnik oder Neuen Materialien sind KMU Innovationsführer.

Der Mittelstand bildet also zweifellos das Rückgrat der deutschen Wirtschaft - leidet derzeit jedoch unter erheblichen Belastungen. Das externe Umfeld wird ungünstiger: Der Konjunktureinbruch trifft die KMU hart, unter anderem, weil Konzerne ihre Aktivitäten wieder insourcen. Die neuen Basel-II-Regelungen erschweren den traditionell eigenkapitalschwachen Mittelständlern die nötige Fremdfinanzierung. Und last, but not least werden sich die außenpolitischen Spannungen mit den USA voraussichtlich besonders stark auf die exportorientierten KMU auswirken.

Viele Probleme sind allerdings hausgemacht: Oft bestehen Mittelständler darauf, "Herr im Haus" zu bleiben - anstatt beispielsweise neue Partner mit Kapital aufzunehmen oder externes Know-how zu absorbieren. Daher wird häufig eine Nachfolgeregelung an der Spitze eines familiengeführten Unternehmens herausgezögert oder nur ungenügend vorbereitet. Immer wieder verursachen hohe Entnahmen der Teilhaber Liquiditätsprobleme und drücken die Eigenkapitalquote. Schließlich ist die Bereitschaft zur "schöpferischen Zerstörung" im Sinne Schumpeters eher selten gegeben. Welcher langjährige Inhaber ist schon unsentimental genug, um sein Unternehmen zu verkaufen und sich neuen Tätigkeitsfeldern zuzuwenden, wenn zum Beispiel sein Sektor dem Strukturwandel zum Opfer fällt?

Diese Entwicklungen sind verheerend: Rund 30 Prozent aller mittelständischen Unternehmen erzielten im vergangenen Jahr keinen Gewinn oder wiesen sogar Verluste aus. Im Schnitt erreichten die Betriebe eine Umsatzrentabilität von nur noch drei Prozent. Während 31 Prozent der KMU in 2002 Personal abbauen mussten, stellten nur 15 Prozent neue Mitarbeiter ein. Jeder dritte Mittelständler verfügt heute nicht mehr über Eigenkapital. Drei von vier Mittelständlern verweigern Investitionen - damit hat sich die Bereitschaft, Mittel für die eigene Zukunft zu verwenden, im Vergleich zum Jahr 2000 halbiert.

Viele Betriebe mussten im vergangenen Jahr schmerzlich erleben, wie ihre Erträge versiegten: 37 700 deutsche Unternehmen meldeten Insolvenz an. Die großen Pleiten stehen in den Schlagzeilen, mittelständische Betriebe hingegen sterben unspektakulär. Wie also kann der Mittelstand wieder zum Innovations- und Wachstumsmotor werden - und erneut Arbeitsplätze schaffen?

Er muss seine Strukturvorteile nutzen. Mittelständler sind in der Regel nahe am Kunden, kennen ihren Markt genau, haben kurze Entscheidungswege und sind flexibel. Darauf sollten sie aufbauen und mehr in ihre Zukunft investieren, also Innovation vorantreiben, Kundenloyalität erhöhen, ihre Mitarbeiter motivieren, aber auch mit anderen Mittelständlern kooperieren und somit Verbundvorteile schaffen. Sie sollten zudem für externes Management attraktiver werden und offener für weitere Eigenkapitalaufnahme. Gerade in familiengeführten Unternehmen gilt es, der Nachfolge durch die eigenen Kinder eher kritisch gegenüberzustehen.

Der Staat muss die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln im Mittelstand verbessern. Am dringlichsten ist der Abbau von Bürokratie - sei es beim Kündigungsschutz und den Kriterien der Sozialauswahl, bei den kostentreibenden Regelungen des Betriebsverfassungsgesetzes, bei der Flächentariftreue, die flexible Lösungen auf betrieblicher Ebene verhindert, sowie bei Statistiken und Steuererklärungen. Die Hartz-Reformen mit ihren Regelungen für geringfügige Beschäftigung sind ein erstes Schrittchen in die richtige Richtung. Größere müssen jedoch folgen.

Der Staat muss dem deutschen Mittelstand helfen, seine Strukturprobleme zu lösen - vor allem Finanzierungsprobleme! Viele Unternehmen leiden unter Liquiditätsengpässen, verursacht durch fehlendes Eigenkapital und mangelnde Möglichkeiten der Fremdfinanzierung. Diese erweisen sich zunehmend als Investitionshemmnisse und gefährden so die Wettbewerbsfähigkeit der KMU.

Eine Möglichkeit zur Erhöhung des Eigenkapitals böten beispielsweise spezifische Kapitalgesellschaften und eine auf den Mittelstand ausgerichtete Börse, die die Aufnahme von und den Handel mit Eigenkapital anbieten könnte.

Nach der Gründung der Mittelstandsbank aus der ehemaligen Deutschen Ausgleichsbank und der Kreditanstalt für Wiederaufbau steht den KMU jetzt ein kompetenter Ansprechpartner für die Beschaffung von Fremdkapital zur Verfügung. In Zeiten von Basel II gilt es nun, den Unternehmen die nötigen finanziellen Mittel für Risiko- und Forschungsinvestitionen auch tatsächlich bereitzustellen.

Schließlich braucht unser Land eine wirksame Förderpolitik für Gründer. Mittelständische Unternehmer müssen die Möglichkeit haben, sich neuen, zukunftsträchtigen Branchen zuzuwenden. Die Zahl der Unternehmensgründungen ging in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich zurück. Trotz der gedämpften Konjunktur und der Krise in Informations- und Kommunikationstechnologien entspricht sie in den High-Tech-Branchen jedoch immer noch knapp dem Stand Mitte der 90er-Jahre. Nur wenn wir in Deutschland diese Maßnahmen umsetzen, kann der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bleiben und die dringend benötigten Wachstumsimpulse für die Binnenkonjunktur freisetzen.

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