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30.01.2008

15:08 Uhr

Kolumne: Wiebes Weitwinkel

Erst handeln, dann denken

VonFrank Wiebe

Die Psychoanalyse lehrt: Wir handeln so, wie wir wollen, und denken uns dazu eine passende Begründung aus. Nach diesem Muster funktionieren manchmal auch die Börsen. Erst stürzen die Aktien ab, dann liefern die Experten die Erklärungen nach.

Aus der Psychoanalyse wissen wir, dass der Mensch nicht erst denkt und dann seinen Gedanken gemäß handelt. Sondern wir handeln so, wie wir wollen, und denken uns dazu eine passende Begründung aus - und glauben selber daran. Die Hirnforscher haben eine ähnliche Botschaft für uns. Der Mensch entscheidet sich nicht frei nach vernünftigen Gründen, sagen sie. Sondern häufig hat er sich längst in Bewegung gesetzt, und danach kommt ihm erst der Gedanke, dass er sich bewegen sollte.

Man muss nicht alles glauben, was die Psychoanalytiker und die Hirnforscher erzählen. Aber die Börse scheint manchmal auch nach diesem Muster zu funktionieren: Zuerst bewegen sich die Kurse, und anschließend liefern die Experten und Investoren die Ängste oder Hoffnungen nach, die angeblich die Kurse bewegt haben.

Solange die Aktienbörsen stabil bleiben, schwindet auch der Optimismus nicht. Es wird schon gut gehen, Europa kann sich abkoppeln von den USA - und so weiter. So war es lange Zeit im vergangenen Jahr: Die Krise blieb etwas unwirklich, schien sich allein in der Finanzbranche oder nur in den USA abzuspielen. Wenn es kracht, kann man sich auf einmal kaum retten vor düsteren Statements und Warnungen vor einer Rezession. Das hatten wir reichlich seit Anfang des neuen Jahres. Alles geht den Bach runter, sagt das Gefühl, und der Verstand liefert die Begründung nach. Nach ein paar freundlichen Tagen mehren sich bald schon wieder die Stimmen, dass doch alles nicht so schlimm wird.

Natürlich greift das immer gegenseitig ineinander: Eine schwache Börse drückt auf die Konjunktur, und Konjunktursorgen drücken auf die Kurse. Aber insgesamt lassen wir uns wahrscheinlich in unseren scheinbar rationalen Analysen viel mehr von dem beeinflussen, was gerade auf den Finanzmärkten passiert, als wir uns eingestehen. Und dies, obwohl die deutsche Konjunktur zum Beispiel nicht wirklich davon abhängt, ob der Dax bei 6 500 Punkten oder bei 7 500 Punkten herumkraucht. Aber unsere Stimmung hängt davon ab - je mehr Aktien wir im Depot haben und je stärker unsere Firma vom Börsengeschäft abhängig ist - desto mehr.

wiebe@handelsblatt.com

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