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03.01.2001

21:58 Uhr

Es herrscht Alarmstufe eins: Die Tatsache, dass die amerikanische Zentralbank schon vor ihrer nächsten ordentlichen Sitzung am 30. Januar die Zinsen gesenkt hat, zeigt, wie ernst die Gefahr einer Rezession in den USA inzwischen ist. Auch der Umfang der Zinssenkung, nämlich um einen halben Prozentpunkt, deutet darauf hin, dass es so schlimm steht wie seit einer Dekade nicht mehr. Die amerikanische Wirtschaft, bisher Motor der gesamten Weltwirtschaft, befinde sich im freien Fall. Dies sagen einige Ökonomen schon heute. Der drastische Einbruch der Verkaufszahlen in der Automobilindustrie und der dramatische Rückgang im Einkaufsmanager-Index sind nur die neuesten Daten in einer ganzen Reihe von sich rasch verschlechternden Zahlen. Zentralbank- Chef Alan Greenspan hätte bereits im Dezember genug Material gehabt, um solch einen Zinsschritt zu tun.

Doch Greenspan wollte offenbar weitere Unruhe auf den Aktienmärkten verhindern und nach einer langen Serie von Zinserhöhungen erst einmal eine kleine Pause einlegen, bevor er die Kehrtwende einleitete. Vor dem Hintergrund, dass sich Zinsschritte erst mit einer zeitlichen Verzögerung von einem halben bis dreiviertel Jahr auf die gesamtwirtschaftlichen Zahlen niederschlagen, kommt es jetzt mehr denn je auf die psychologische Wirkung jedes Schrittes an. Die Aktienmärkte könnten nun den idealen Hebel bieten, um eine harte Landung der Wirtschaft zu verhindern. Auch sie nehmen gesamtwirtschaftliche Entwicklungen um Monate voraus, sagt man. Prompt haben die Börsen auf den Schritt reagiert, die großen Aktienindizes sind allesamt deutlich nach oben geschossen. Ob dieser Effekt über die Durststrecke der nächsten Monate anhält, ist allerdings fraglich.

Die in den kommenden Wochen zu erwartenden Quartalsergebnisse der großen amerikanischen Unternehmen dürften von den Zinsschritten noch weitgehend unbeeinflusst sein. Die Unternehmenszahlen spiegeln auch weiterhin die deutlich verschlechterte Situation in der Gesamtökonomie wider. Jede neue Enttäuschung könnte zu weiteren Kurseinbrüchen führen und die Hoffnung auf bessere Zeiten erst einmal wieder vergessen lassen. Noch immer gelten viele Aktien, besonders im Technologie-Bereich, als viel zu teuer. Es stellt sich heraus, dass sämtliche Branchen, ob neue Wirtschaft oder alte, von dem Einbruch im Wirtschaftszyklus betroffen sind. Schwache Aktienmärkte aber wirken sich auf das gesamte Vertrauen der Konsumenten und Produzenten aus. Hinzu kommt, dass sich die Arbeitsmarktzahlen in den USA ebenfalls deutlich verschlechtern könnten. Es wird vermutet, dass Greenspan schon einen Einblick in die für den kommenden Freitag erwarteten Zahlen gehabt hat.

So wagt im Augenblick noch niemand die Prognose, dass die Gefahr einer Rezession abgewendet ist. Alan Greenspan war offenbar mit seinen Zinserhöhungen zu weit gegangen. Die hohen Ölpreise und der Einbruch im Technologie-Sektor waren schwer vorherzusehende Faktoren, die die US-Wirtschaft zusätzlich belastet haben. Anders als im Jahr 1998, als Greenspan ähnlich rasch die Notbremse zog, könnte der Erholungseffekt diesmal wesentlich länger auf sich warten lassen. Damals war die US-Wirtschaft gesund, jetzt ist ihr Motor dagegen ins Stottern geraten. Vertrauensbildung ist das Einzige, was kurzfristig hilft. Alan Greenspan, der an der Wall Street uneingeschränkten Respekt genieß, steht als Person für die Rettung der Lage.

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