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27.07.2000

15:52 Uhr

Der Sieg gegen Napster offenbart das Dilemma der Musikindustrie: Seit einiger Zeit macht die Branche, die zumindest am Rande auch von Kreativität lebt, nur noch durch Prozesse von sich reden. Während es dem Industriezweig um Besitzstandwahrung geht, riskiert er seine Zukunft. Denn die liegt, ob es den Labeln nun passt oder nicht, im Internet. Das Marktforschungsinstitut Jupiter Communications hat ermittelt, dass gerade Napster-Nutzer weitaus mehr Geld für Musik ausgeben würden als Konsumenten der gleichen Altersschicht, die von der Tauschbörse keinen Gebrauch machen. Die Recording Industry Association of America kontert mit einer Studie von Soundscan, derzufolge CD-Geschäfte in der Nähe von Universitäten, in deren Umfeld das Tauschprogramm seit jeher besonders populär war, rückläufigen Umsatz hinnehmen mussten.

Die Ergebnisse widersprechen sich nur auf den ersten Blick. Fest steht, dass sich Geschäftsanteile ins Internet verlagern werden. Die Musikindustrie muss eine Lektion verinnerlichen: Es reicht nicht mehr, im Internet nur abstoßende Soundfetzen und Werbemüll auszuspucken. Gerade die Musikenthusiasten verlangen nach Qualität. Es geht also darum, die Technik zum eigenen Nutzen zu verwenden, anstatt sich allein auf gerichtliche Auseinandersetzungen um den Schutz der Urheberrechte zu konzentrieren.

Prozesse werden der Branche sowieso nicht mehr lange helfen, denn Napster mit seinen 100 Zentralcomputern war vergleichweise leicht zu knacken. An flüchtigen Tauschgemeinschaften wie Gnutella oder Freenet wird sich nicht nur die Musikindustrie dagegen die Zähne ausbeißen.



Die Musikbranche hat noch eine letzte Chance

Das Thema Urheberrschutz wird sich wahrscheinlich relativeren, auch wenn die Öffentlichkeit noch einige Zeit dem Wettrennen zwischen den neuesten Verschlüsselungstechnologien und findigen PC-Cracks beiwohnen wird. Bisher hat sich noch jeder Schutzwall, den die Industrie in der Secure Digital Music Initiative (SDMI) vor die Soundbits gestellt hat, als löchrig erwiesen.

Die Anfänge kommerzieller Nutzung sind zäh, das zeigte sich zuletzt beim zögerlichen, aber mit viel Marketing-Getön unterlegten Einstieg von EMI in den legalen Music-Download. In den kommenden Monaten haben die Anbieter noch eine Chance, unter Beweis zu stellen, dass sie tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln können. Egal, ob die Nutzer Zugang zu Katalogen gegen Mindestgebühren wie bei EMusic wollen, ob sie den Download als Zusatz wie bei iCast bevorzugen oder sie dazu bereit sind, für jeden Download wie etwa bei MCY zu zahlen: Noch haben die Label einen Startvorteil: Sie sollten wissen, wie aus Datenströmen Produkte werden, wie sie eine Tauschplattform nie bieten kann.

Viel Zeit, den Vorsprung zu nutzen, wird ihnen aber nicht mehr bleiben. Als erste werden die prominenten Künstler den Labeln den Rücken kehren. Wer schon einen Namen hat, muss kaum befürchten, im Internet unterzugehen. Die Literatur macht es vor. Autor Stephen King hat seinen Verlag schon einmal probeweise ausgehebelt.
Der Sieg gegen Napster könnte für die Musikindustrie vor diesem Hintergrund das falsche Signal gewesen sein.

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