Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.01.2001

19:00 Uhr

Kommentar: Japan braucht glaubwürdige Reformen

Kursverfall am Tokioter Aktienmarkt verstärkt Krisenstimmung

VonANDREAS GANDOW (Tokio)

Am Tokioter Aktienmarkt herrscht Krisenstimmung. Selbst der gewöhnlich trockene Chairman der Toyota Motor Corp. und Präsident des Arbeitgeberverbandes, Hiroshi Okuda, sprechen von „der Möglichkeit einer krisenhaften Erschütterung des Finanzsystems“.

TOKIO. Am Tokioter Aktienmarkt herrscht Krisenstimmung. Selbst der gewöhnlich trockene Chairman der Toyota Motor Corp. und Präsident des Arbeitgeberverbandes, Hiroshi Okuda, sprechen nun von "der Möglichkeit einer krisenhaften Erschütterung des Finanzsystems". Er wisse allerdings nicht, was zu tun sei, gesteht Okuda. Denkbar erscheine ihm lediglich eine schnelle Umsetzung des nächsten Haushalts.

Die Entwicklung am Aktienmarkt kommt nicht überraschend. Sie dürfte mit kurzfristigen fiskalischen Aktionen kaum nachhaltig umzukehren sein. Die internationalen Investoren warten vielmehr auf umfassende Reformen und ein glaubwürdiges Konzept, mit dem Japan die desolaten Staatsfinanzen in den Griff bekommt.

Die Baisse am japanischen Aktienmarkt hat eine Reihe von Gründen. Sie ist maßgeblich durch das Geschehen an der Wall Street bestimmt. Hinzu kommt ein Bündel interner Faktoren.

US-Konjunkturabkühlung wirkt sich verheerend aus

Japans fragile Wirtschaftsbelebung wurde bislang vorrangig vom Export getragen. Nun zeichnet sich hier auf Grund der Wachstumsverlangsamung in den USA eine Abschwächung ab. Für die Unternehmen wird dies trotz der markanten Yen-Abwertung der vergangenen Tage zu einer deutlichen Beeinträchtigung ihrer Ertragslage führen. Insgesamt ist daher auch in Japan mit einem erneuten Wachstumseinbruch zu rechnen. Anders als in den USA sind jedoch in Japan die konjunkturpolitischen Handlungsspielräume nahezu erschöpft.

Auf dem Aktienmarkt selbst lastet ein schwerer Abgabedruck. Entscheidend hierfür sind vorrangig die massiven Verkäufe japanischer Finanzinstitute, die aus Ertrags- oder Bilanzstrukturgründen ihren bisherigen Beteiligungsbesitz auflösen müssen. Die in den vergangenen Monaten angekündigten Fusionen von Banken zwingen darüber hinaus dazu, Beteiligungen zu reduzieren. Denn nach japanischem Kartellrecht darf eine Bank höchstens fünf Prozent des Kapitals eines Unternehmens halten. Private Wirtschaftsforschungsinstitute schätzen, dass sich die Banken bislang erst von der Hälfte des Aktienbestandes getrennt haben, der letztlich aus ihren Büchern verschwinden soll.

Neuemissionen belasten den Wertpapiermarkt

Zum Kursdruck tragen außerdem Berichte und Spekulationen bei, der Aktienmarkt werde durch Neuemissionen und andere Kapitalmaßnahmen massiv beansprucht. Dazu zählt die von Japans führendem Mobil-Telekomkonzern NTT Docomo geplante Aufnahme von umgerechnet zehn Milliarden Euro. Hiermit sollen Auslandsakquisitionen finanziert werden.

Gar in einen Teufelskreis könnten die japanischen Banken geraten. Die Branche leidet nach wie vor unter dem ohnehin schon hohen und sogar wachsenden Volumen an Problemkrediten. Durch den Kurssturz am Aktienmarkt verschärft sich deren unbefriedigende Lage. In Tokio werden daher weitere staatliche Hilfsaktionen für die Not leidende Kreditwirtschaft nicht mehr ausgeschlossen.

Eine Trendwende am Aktienmarkt ist gegenwärtig nicht in Sicht. Die jüngste Yen-Schwäche ist sogar ein Indiz, dass sich immer mehr internationale Investoren abkehren. Der frühere Chefökonom der Tokai Bank, Kenji Mizutani, traditionell einer der profiliertesten Pessimisten, rät den Investoren sogar, sich auf einen Fall des Nikkei-Indexes unter die Marke von 10 000 Punkten einzustellen - wenn der Reformstau andauern sollte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×