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06.08.2000

18:51 Uhr

Für die T-Aktionäre der dritten Stunde war der Börsengang im Juni eine herbe Enttäuschung. Zweimal, 1996 und 1999, hatte manch einer zugeschaut, wie trotz pessimistischer Prognosen der Kurs der Volksaktie nur eine Richtung nahm: nach oben, und das ziemlich steil. Umso größer ist jetzt der Frust derjenigen Neueinsteiger, die sich nicht wieder über eine verpasste Gelegenheit ärgern wollten: Von 63 auf 45 Euro sackte der einstige Höhenflieger ab. Noch schlimmer: Mit neuen Kurszielen halten sich die sonst so Telekom-freundlichen Analysten zurück. Aus ihrem Kauderwelsch hört man plötzlich nur noch "Bodenbildung" und "Seitwärtsbewegung" heraus. Übersetzt in Alltagsdeutsch, sagen die Börsenexperten damit nichts anderes, als dass die T-Aktie in den nächsten Wochen zwischen 40 und 45 Euro ihren Tiefstkurs erst noch finden muss und dann dort verharren wird. In die Flaute gerät so auch Telekom-Chef Ron Sommer. Statt "Hosianna" wird er in den nächsten Wochen in den Anlegermagazinen wohl öfter ein "Kreuziget ihn" lesen.

Dabei sind beide Sichtweisen, die euphorische wie die pessimistische, übertrieben. Mit Zeitverzögerung bekommen jetzt auch die Aktionäre zu spüren, was die Mitarbeiter seit dem Beginn der Liberalisierung im Januar 1998 mitmachen: den Wandel vom staatlichen Telefonmonopolisten zum globalen Internet-Mobilfunk-Unternehmen oder anders gesagt: vom Blue Chip der Old Economy zu einem der Weltmarktführer der New Economy. Der Kurs verhält sich entsprechend eher wie ein Neuer-Markt-Wert als nach dem Muster eines der einstigen Witwen-und-Waisen-Papiere aus dem Dax.

Je mehr sich die Telekom also ihrem ehrgeizigen Ziel nähert, desto volatiler wird der Kurs und desto abhängiger wird sie von der grundsätzlichen Beurteilung der Technologiewerte an Nasdaq und Neuem Markt. Zwischen dem vergangenen November und März führte der Übernahmekampf Vodafone-Mannesmann zu einem steilen Anstieg der europäischen Telekommunikationswerte. Davon profitierte der Telekom-Kurs fast in gleicher Größenordnung wie die Mannesmann-Aktie. Im März gerieten alle diese Werte dann in den Abwärtssog - auch die Telekom.

Was besorgte Anleger beruhigen mag: Anders als zum Beispiel der British Telecom werfen die meisten Analysten der Deutschen Telekom keine Strategiefehler vor. Es ist vielmehr die Furcht davor, dass sich das nach Börsenwert größte deutsche Unternehmen auf seinem Expansionskurs finanziell überheben könnte, die Analysten den Daumen senken lässt. Diese Bedenken werden im Telekom-Vorstand durchaus gehört, wie sich ersten vorsichtigen Äußerungen von Finanzchef Karl-Gerhard Eick entnehmen lässt: Bei den UMTS-Lizenzversteigerungen will die Telekom jetzt offenbar nicht länger in jedem großen EU-Land antreten. Angesichts der Preise für Lizenz und Netzaufbau nimmt das Unternehmen Lücken in Kauf - zumal sich bei der deutschen UMTS-Auktion ein ebenfalls teurer Bieterwettstreit abzuzeichnen beginnt.

Jedoch: Auch auf die Telekom wird weiterhin durchschlagen, dass an den Börsen seit März wieder Umsätze und Gewinne mindestens genauso viel zählen wie Akquisitionen, vor allem, wenn diese so viel kosten wie der beabsichtigte Kauf von Voicestream in den USA. Gerade vor diesem Hintergrund erscheint der deutliche Gewinnrückgang beim Inlandsgeschäft nicht länger, wie noch vor einem halben Jahr, als Nebensache. Entscheidend für die Kursentwicklung bleibt, ob und wie es Sommer gelingt, die verschiedenen Baustellen zu einem stabilen Gebäude zusammenzufügen. So lange gilt auch für T-Aktionäre: je größer die Chance, desto größer das Risiko.

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