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13.07.2000

21:17 Uhr

DÜSSELDORF. Was wollen wir denn - eine neue Gründerkultur oder absolute Sicherheit für Anleger? Wenn alle, vom Wirtschaftsminister bis zum Kleinaktionär, auf die Erfolge z.B. von Intershop-Gründer Stephan Schambach stolz sind, ist es schon sehr unfair, die weniger Glücklichen in Todeslisten zu veröffentlichen.



Eine Rendite von mehreren hundert Prozent bei der Sicherheit eines Bundesschatzbriefes, das ist es, was viele Investoren von den Helden der New Economy wollen. Jetzt kommt es doch anders, na und!

Geld im Überfluss

Zwar wurde diese Erwartung tatsächlich eine Zeitlang erfüllt, doch das ganze System funktionierte wie ein Kettenbrief: Einige Neuemissionsreiche zeigten der Masse der Kleinanleger wie man es macht. Sobald frische Aktien von weiteren Unternehmen mit einem Dotcom Namen an die Börse wollten, setzte eine wahre Kaufpanik ein. Aktien wurden wie in einer Lotterie verlost. Wer als Gründer diese Euphorie nicht zu einem Börsengang genutzt hat, war es doch selber schuld. Das Geld war schließlich da.



Todeslisten nachgemacht



Jetzt zeichnen sich erste Pleiten ab und schon brüllt es aus den Medien: "Todeslisten", "Friedhof der Dotcoms" "Hände weg". Als wenn allein der gescheiterte Start-Up-Versuch ein Verbrechen wäre. Klar, die Emissionsbanken, die Berater und auch viele der Altaktionäre haben ihr Geschäft gemacht. Doch gelogen hat keiner - höchstens mit Ad-hoc-Mitteilungen ganz schön übertrieben.



Venture heißt Risiko



Doch sagt schon der Begriff "Venture Capital" worum es geht, nämlich um Geld für risikoreiche Vorhaben und darum handelt es sich auch bei fast allen Internetunternehmen am Neuen Markt. Und von denen wurden die meisten mit Venture Capital "anschubfinanziert". Eine Misserfolgsquote haben die Kapitalgeber, die die Ricardos und Letsbuyits aufgepäppelt haben, natürlich kalkuliert.



Kein Problem in Sicht



Wo liegt also das Problem? Es gibt keines! Unternehmen werden und vergehen. Doch plötzlich streiten sich alle über das Neue an der New Economy, über die neuen Bewertungsmethoden, über die neuen Marktmechanismen und darüber, ob es diese Dinge überhaupt gibt.



Angefangen hat die Runde: "So, jetzt hauen wir mal die Dotcoms in die Pfanne" mit einer im amerikanischen Wirtschaftsmagazin "Barron's" veröffentlichten Liste von 200 Internet-Unternehmen, die in nächster Zeit ihr Kapital verbrannt haben würden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hat sich dann gedacht, das können wir auch und eine ähnliche Liste für deutsche Unternehmen gebastelt.



Kunststück: War nicht vor Monaten der Ausweis einer hohen Cash-Burn-Rate noch ein Qualitätsmerkmal, und galt nicht ein Dotcom mit Gewinnen als verdächtig? PWC brauchte also nur alte Pressemitteilungen aus dem Archiv zu kramen und fertig war die Liste.



Wie geht die Geschichte weiter?



Auch hier lohnt sich der Blick in die USA, denn dort beginnen sich E-Commerce und E-Business durchzusetzen. Gerade in dem Augenblick, wo die Börse die E-Commerce-Treibenden abstraft, entdecken immer mehr Konsumenten die Vorzüge des Kaufens per Mouseclick. Selbst die Musikindustrie, die schon seit der Einführung der Musikkassette ein fragwürdiges Verhältnis zu technischen Neuerungen entwickelt hat, findet sich mit dem Internet ab. Am Dienstag will EMI im großen Stil Musik zum Download ins Netz stellen, natürlich zunächst nur in den USA.



Gewinne - Gewinne



Und die Dotcoms? Die überraschen die Analysten mit dicken Gewinnen, wie Yahoo Anfang der Woche. Damit wäre dann alles wieder im Reinen, denn wie ein US-Risikokapitalgeber jüngst feststellte: "Risikokaptital ist wie Zuckerwasser - Gewinne aber sind wie Muttermilch."

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