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13.02.2001

19:49 Uhr

Kommentar

Zinsfrühling: Greenspan lässt Wall Street hoffen

VonThomas Schmitt

Der Frühling wird kommen und mit ihm die nächste US-Zinssenkung. Die Finanzmärkte schauen schon heute auf den 20. März. An diesem Tag kommt der Offenmarktausschuss der US-Notenbank das nächste Mal zusammen. Die gestrige Rede von Fed-Chef Alan Greenspan vor dem US-Kongress war nur die verbale Einstimmung auf dieses wichtige Ereignis am Frühlingsanfang.

Zwar lässt sich der alte Fuchs wie immer ein Hintertürchen offen. Aber ihm wird wohl vorerst nichts anderes übrig bleiben, als erneut die Geldschraube zu lockern. Denn die Konjunktursignale aus den USA bereiten den Märkten nicht gerade Freude. Wie erwartet, belasten den Aktienmarkt vor allem die vielen Gewinnwarnungen. Das hat dazu geführt, dass die beiden kräftigen US-Zinssenkungen im Januar in ihrer Wirkung auf Aktien verpufft sind.

Parallel sinkt in den USA die Stimmung der Verbraucher, die Dynamik bei den Investitionen der Unternehmen nimmt ab, und die wieder höheren Ölpreise sorgen für neue Unsicherheit. Die entscheidende Frage: Wie weit kann Greenspan die Geldpolitik lockern, ohne ein Aufflammen der Inflation zu riskieren?

In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch gestern wieder seine viel beachtete Rede vor dem Kongress. Der US-Notenbankchef weiß einerseits um die enorme Bedeutung des Aktienmarktes für die weitere Entwicklung der US-Konjunktur. Jede psychologische Hilfe für die Wall Street erhöht gleichzeitig die Chancen für eine sanfte Landung der US-Konjunktur. Diese sagte Greenspan gestern voraus. Und damit es auch so kommt, kann es nicht verwundern, wenn er das ihm Mögliche dafür tut. Gestern stellte er sogar die Variante in den Raum, noch vor dem 20. März die Leitzinsen zu senken. Solche Andeutungen - auch wenn sie vielleicht niemals Realität werden - helfen insbesondere der US-Technologiebörse Nasdaq, sich nach der rasanten Talfahrt zu beruhigen.

Greenspan ist gleichzeitig jedoch nur zu bewusst, dass er seine Lockerungsübungen nicht so weit treiben darf, wie es die Märkte am liebsten hätten. Sollte die Wall Street im Frühjahr und Sommer die vielen Gewinnenttäuschungen abgeschüttelt haben und die US-Wirtschaft wieder auf festerem Boden stehen, wird Greenspan schnell wieder stärker und intensiver auf die Inflationsdaten schauen.

Zunächst jedoch zeigt der Daumen nach unten. Damit liefert Greenspan eine Vorgabe für den Rest der Welt. In vielen Ländern werden sich die Notenbanken der Fed früher oder später anschließen. Den geringsten Spielraum wird dabei sicherlich Japan haben. Dort ist zwar symbolisch der Diskontsatz jüngst gesenkt worden. Doch bei einem Leitzins von 0,25 Prozent ist so gut wie kein Spielraum vorhanden, selbst wenn sich die Regierung eine Nullzinspolitik wünscht. Auch Australien und Großbritannien senkten ihre Leitsätze im Gefolge der amerikanischen Notenbank. Hintergrund war nicht zuletzt die zu erwartende globale Wachstumsabschwächung.

Zurückhaltend bleibt dagegen noch immer die Europäische Zentralbank (EZB). Doch auch sie dürfte im Laufe des Jahres reagieren. Zunächst jedoch will und kann sie abwarten. Denn durch neue US-Aktionen verringert sich der Abstand zwischen den kurzfristigen Zinsen in den USA und Euro-Land weiter. Dies dürfte im Sinne der europäischen Währungshüter sein, weil es den Euro-Kurs tendenziell unterstützen könnte. Er hat sich zuletzt zwar ganz passabel gehalten. Doch noch ist das Risiko eines erneuten Absturzes auf seine Tiefstände vorhanden.

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