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14.06.2000

17:53 Uhr

Konjunktur im Euro-Raum auf Höhenflug

HB-Eurokonjunktur-Indikator: Wirtschaftswachstum im Euro-Raum steht vor weiterer Beschleunigung

Das Der Optimismus von Industrie und Konsumenten im Euro-Raum ist noch größer geworden, die Industrieproduktion entwickelt sich dynamisch. Ab Herbst dürfte sich das Wachstum jedoch abflachen.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator hat im Juni zum vierten Mal in Folge den Wert von 3,5 % erreicht (Tabellen und Grafik). Das ist der höchste Stand seit Beginn des Berechnungszeitraumes im Januar 1993. Damit deutet sich an, dass das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum sich bis zur Jahresmitte nochmals verstärken wird. Der Indikator zeigt ein Trendwachstum von 3,4 % für das zweite und von 3,5 % für das dritte Quartal an.

Für das erste Quartal 2000 hatte das statistische Amt der Europäischen Union, Eurostat, gerade erst eine Wachstumsrate von 3,2 % gegenüber dem Vorjahresquartal geschätzt (Handelsblatt vom 13.6.). Umgerechnet auf die Referenzgröße des Eurokonjunktur-Indikators ergibt dies eine gleitende Jahreszuwachsrate von 2,7 %. Diese hatte der Indikator mit seiner Prognose von 2,9 % fast genau vorhergesagt.

Die gleitende Jahresrate, die dem HB-Eurokonjunktur-Indikator als Referenzgröße dient, spiegelt den grundlegenden Wachstumstrend wider. Sie gibt das Wachstum in den jeweils vier letzten Quartalen gegenüber dem vorhergehenden Zwölfmonatszeitraum an und bleibt so von Zufallsschwankungen einzelner Quartale weitgehend unbeeinflusst. Dies ermöglicht eine zuverlässige Erkennung von Wendepunkten der Konjunktur, welche der HB-Eurokonjunktur-Indikator mit einem Vorlauf von zwei Quartalen vor den Veröffentlichungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung anzeigt.

Wendepunkt der Konjunktur in Sicht

Für den weiteren Jahresverlauf lässt der Indikator einen nochmaligen Anstieg des Wachstumstrends auf 3,4 % im zweiten bzw. auf 3,5 % im dritten Vierteljahr erwarten. Im Herbst könnte dann allerdings der konjunkturelle Wendepunkt erreicht werden. Darauf deutet der zuletzt immer flacher gewordene Anstieg des Indikators hin (Grafik rechts). Auch die inzwischen merklich angehobenen Zinssätze der EZB dürften dann beginnen, dämpfend auf die Konjunktur zu wirken.

Gleichwohl ist aus heutiger Sicht kein Abbrechen, sondern eher ein allmähliches Abflachen des Aufschwungs zu erwarten. Dies entspricht dem allgemein gezeichneten Konjunkturbild. So hatten die Forschungsinstitute im Frühjahrsgutachten eine Wachstumsrate von 3,2 % für das laufende Jahr und von 2,9 % im folgenden Jahr prognostiziert. Gelegentlich genannte Wachstumserwartungen von über 4 % erscheinen dagegen unrealistisch, jedenfalls was den mittelfristigen Wachstumstrend betrifft.

Die jüngsten in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingegangenen Einzeldaten sind überwiegend nochmals günstiger gewesen als im Vormonat. So hat sich die ohnehin schon glänzende Stimmung von Industrie und Konsumenten im Mai abermals verbessert. Der Vertrauensindikator der Industrie kletterte weiter von 5 auf 6 Punkte, der Index des Verbrauchervertrauens markierte mit 1 Punkt (nach 0 Punkten in den drei Monaten zuvor) einen neuerlichen Höchststand.

Allerdings war die Entwicklung in den Ländern recht uneinheitlich. So ist der Anstieg des Industrievertrauens (von 11 auf 14 Punkte) am stärksten in Frankreich ausgefallen, wo ohnehin schon die beste Stimmung unter den großen Ländern der Euro-Zone herrschte. Dagegen blieb die Stimmung in Deutschland mit unverändert - 3 Punkten nach wie vor gedrückt. Genau umgekehrt war es beim Konsumentenvertrauen: Hier verzeichnete Deutschland im Mai mit 2 Punkten nach - 2 Punkten den stärksten Umschwung zum Positiven, während Frankreich bei 1 Punkt stagnierte. In Italien und Spanien ist die Konsumentenstimmung zuletzt sogar wieder etwas schlechter geworden.

Die Industrieproduktion im Euroraum ist im März saisonbereinigt um 0,6 % gegenüber dem Vormonat angestiegen und hat damit ihren Wachstumskurs fortgesetzt. Die zwischenzeitliche Stagnation um die Jahreswende scheint damit überwunden; sie dürfte ihre Ursache auch weniger in konjunktureller Schwäche als in den Unsicherheiten wegen des "Jahr-2000-Problems" gehabt haben.

Mit ihrer derzeitigen Produktionsdynamik liegt die Industrie im Euro-Raum sogar vor den USA und auch vor Großbritannien, wo in den letzten Monaten überwiegend Minusraten zu verzeichnen waren. Dazu hat nicht zuletzt der niedrige Euro-Kurs beigetragen.

Allerdings macht die Industrieproduktion nur noch ein knappes Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung im Euro-Raum aus. Das Wachstum des gesamten Bruttoinlandsprodukts war in den USA mit zuletzt gut 5 % Plus zum Vorjahresquartal nach wie vor ungleich stärker als in Euro-Zone, die mit 3,2 % etwa gleichauf mit Großbritannien (3,1 %) liegt.

Die Geldmenge M2 hat im April mit 5,5 % gegenüber dem Vorjahresmonat wieder etwas stärker zugelegt als in den Monaten zuvor, als die Zuwachsrate um 5 % gependelt hatte. Dahinter verbirgt sich jedoch hauptsächlich ein statistischer Basiseffekt. Saisonbereinigt hat sich das Geldmengenwachstum gegenüber dem Vormonat zuletzt eher abgeflacht.

Reichliche Versorgung mit Liquidität

Gleichwohl ist die Liquiditätsversorgung nach wie vor reichlich, was wohl auch für die recht deutliche Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 8. Juni ausschlaggebend war. Zwar ist die Inflationsrate im April - wie allgemein erwartet - erst einmal wieder leicht von 2,1 % auf 1,9 % zurückgegangen. Mittelfristig sind die Gefahren für die Preisstabilität aber noch nicht gebannt. So weist die EZB im Monatsbericht Mai darauf hin, dass die preistreibenden Effekte der Euroabschwächung erst mit zeitlicher Verzögerung zum Tragen kommen dürften.

Die Zinsstrukturkurve hat sich unterdessen weiter abgeflacht. Zwar stieg die Rendite zehnjähriger Staatspapiere im Mai von 5,41 % auf 5,52 % erstmals seit drei Monaten wieder leicht an. Der gleichzeitige Anstieg beim Dreimonatszins Euribor von 3,93 % auf 4,35 % fiel aber wesentlich kräftiger aus. Die Differenz zwischen den beiden Zinssätzen hat sich damit weiter von 1,5 Punkten auf 1,2 Punkte ermäßigt.

Diese Tendenz dürfte sich auch in den kommenden Monaten fortsetzen, was tendenziell ein dämpfendes Konjunktursignal ist. Angesichts des überaus robusten Wachstums und der niedrigen Preissteigerungsrate gehen davon zwar keine wirklichen Gefahren für den Aufschwung aus. Gleichwohl dürfte sich die Zentralbank ein weiteres Drehen an der Zinsschraube in der nächsten Zeit sehr gut überlegen.

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