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15.01.2002

19:00 Uhr

Konservative Regierung will Anteile an Profiklubs erwerben

Der ungarische Fußball gerät in den Wahlkampf

VonReinhold Vetter

Ungarns Regierung sieht den Profi-Fußball des Landes zunehmend als Investitionsobjekt des Staates. So erteilte das Kabinett von Premier Viktor Orban jetzt der staatseigenen Entwicklungsbank (MFB) die Vollmacht, jeweils bis zu 20 Prozent der Anteile von Klubs zu erwerben.

HB BUDAPEST. Mögliche Kandidaten sollten, wie es hieß, ordentliche Bilanzen vorweisen können und in geschäftlicher Hinsicht erfolgversprechend sein.

Orban betonte, seine Regierung unterstütze den Profi-Fußball ebenso wie den Straßenbau und andere Infrastrukturmaßnahmen. Und Regierungssprecher Gabor Borokai fügte hinzu, das geltende Sportgesetz verpflichte den Staat, den Sport wirtschaftlich zu fördern. Die Entwicklungsbank werde jedoch keine Beihilfe anbieten, sondern Beteiligungen erwerben, die entwicklungsträchtig seien.

Gerade da aber, so meinen Kommentatoren, liege der Hase im Pfeffer. Denn aus den Bilanzen geht hervor, dass allein die zwölf Erstliga-Klubs im vergangenen Jahr Schulden von über 350 Millionen Forint (knapp 1,5 Millionen Euro) erwirtschaftet haben, was für ungarische Verhältnisse viel Geld ist. So bezeichnete der ehemalige MFB-Direktor Andras Huszty die Idee der Regierung als ökonomisch haarsträubend. Der Chef der ersten Liga, Mihaly Muszbek, meinte salomonisch, er erwarte keine Rückverstaatlichung der Klubs.

Nun ist das nicht das erste wirtschaftliche Eingreifen der Regierung in das Fußballgeschehen. Schon in den vergangenen Jahren hat sie Projekte im Gesamtwert von etwa 35 Millarden Forint finanziert. Die staatseigene Entwicklungsbank hat auch mit dem Ungarischen Fußballverband (MLSZ) Obligationen aufgelegt, um den Vereinen neues Kapital zuzuschießen.

Den begeisterten Fußballfan Viktor Orban dürfte am meisten ärgern, dass der ungarische Fußball schon seit Jahren international wenig konkurrenzfähig ist. Die guten Profis des Landes verdienen ihr Geld im Ausland, vor allem in Deutschland und in der Türkei, die Nationalmannschaft fehlt bei der WM.

Natürlich sind ungarische bzw. in Ungarn ansässige internationale Unternehmen bei Profi-Klubs als Sponsoren oder Investoren eingestiegen. So ist Audi bei Györ aktiv, die Fotokette Fotex unterstützt Tabellenführer MTK Budapest, der Telekomanbieter Matav (Deutsche Telekom) fördert Sopron, und die Brauerei Borsodi (mehrheitlich bei Interbrew) sponsert die erste Liga insgesamt. Dieses privatwirtschaftliche Engagement führte aber bislang nicht zu direkten Erträgen. So dürfte die Regierung bei ihrem Beschluss auch die Parlamentswahlen im kommenden April im Blick gehabt haben - Fußball ist immer noch sehr populär im Land.

Ein Sprecher der oppositionellen Sozialisten (MSZP) wies süffisant darauf hin, dass die regierenden Jungdemokraten vor einigen Jahren vehement protestiert hätten: als die damals amtierende sozialistische Regierung plante, staatliche Anteile an Profiklubs zu erwerben.

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