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16.01.2003

09:28 Uhr

Konstrukteure verringern das Gewicht schneller Segelboote

Katamarane segeln mit einer neuen Leichtigkeit

VonBERND GENATH

Auf der "Boot" Düsseldorf ist ab diesem Wochenende eine große Katamaranflotte zu besichtigen. Die Hersteller setzen auf die wachsende Nachfrage hier zu Lande. Denn die Mehrrümpfer werden immer leichter, schneller und sicherer.

DÜSSELDORF. Katamarane leben von der Leichtigkeit. Bislang jedoch litten sie unter "gewichtigen" Sicherheitszuschlägen, die die Werften auf Grund der dürftigen verfügbaren Berechnungsmathematik in die vermeintlich strapaziertesten Zonen steckten, um die hohen Biege- und Torsionskräfte in bewegter See abzufangen. Und so verspielten sie wieder, was ihnen der Verzicht auf den tonnenschweren Kiel eines Einrümpfers einbrachte. Mit dem Erfolg, dass die Zwei- und Mehrrümpfer weder zu Wasser noch in den Auftragsbüchern den klassischen Einrumpf-Kielyachten, davonsegeln.

"Man wollte das Prinzip Korken. Der schwimmt sicherer und leichter auf dem Wasser als eine halb abgetauchte Flasche, weil er mit den Wellen mitgeht", meint Ralf Weise vom Branchenblatt "Palstek". "Die verkaufte Realität ging jedoch mehr in Richtung Flasche." Erst in jüngster Zeit veränderten sich in den Baugrundlagen drei Faktoren zu Gunsten der Leichtigkeit - heißt Schnelligkeit - und Sicherheit.

Zunächst entdeckten die Konstrukteure eine Ähnlichkeit zwischen der Belastung einer schwingenden Brücke und eines Katamarans. Also nutzten sie Konstruktionsmethoden, die aus der Bautechnik bekannt sind, und mit denen sich per Computer an jedem Punkt der Konstruktion exakt Richtung und Stärke der angreifenden Kräfte berechnen lassen. Die Daten mündeten ein in einen optimierten Laminatplan, der nur dort Verstärkungen vorsieht, wo die Belastungen bei Sturm und tosender See das Material und Verbindung überstrapazieren würden. Dieser dem Spannungsfeld der Kräfte angepasste Laminatplan brachte den Konstrukteuren immerhin 30 % des einsparbaren Gewichtspotenzials.

Um selbst in den kritischen Zonen mit Kilogrammen geizen zu können, bedarf es zudem hochfester Hightech-Werkstoffe wie Kohlefaser und Kevlar, beidseitig auf einem Schaumkern verklebt. Die Fasern haben zwar ihren Preis, halten aber ihren Einzug im Yachtbau, nachdem man dank der Finite-Element-Methode weiß, wo sie gebraucht werden und wo sie überflüssig sind. Den Gewinn von rund 30 % - ein 13-Meter-Katamaran wiegt heute nur noch sechs Tonnen gegenüber früheren neun Tonnen - setzen die Bootsbauer zum Teil in Geschwindigkeit, zum Teil in Komfort in Form von mehr Geräumigkeit um.

Die Sicherheit bleibt dabei nicht auf der Strecke. "Wegen der hoch belastbaren Kohlefaser können wir die stabilisierende Breite strecken", erläutert Georg Nissen, namhafter deutscher Yachtarchitekt. Früher habe sie für Kreuzerkatamarane maximal 40 % der Länge betragen - heute dagegen gehe sie bis 55 %. Somit gleiche der längere Hebelarm der Luvkufe als Gegenmasse die Gewichtsverluste bei Winddruck mehr als aus.

Um die Schnelligkeit der Boote zu steigern, ist schließlich auch die Besegelung verbessert worden. Heute dominiert das durchgelattete Tuch mit Versteifungen vom Achterliek bis zum Mast. Diese profilgebenden Stabilisatoren lassen zu, das Segel in der hinteren Kante auszuwölben, um so die Fläche theoretisch um etwa 15 % zu vergrößern. In der Praxis kürzen jedoch die Werften den Mast und behalten die frühere Segelfläche bei. Dank des idealen Flügelprofils kreuzt so der Katamaran weitaus besser am Wind als bislang, und dank des niedrigeren Winddruckpunkts reduziert sich noch einmal das Kentermoment. Siegfried Traub, deutscher Importeur der französischen "Lagoon"-Katamarane, ist überzeugt: "Es kippt eher der Mast, als dass eine Zweirumpf-Fahrtenyacht kentert."

Bislang liegt der Anteil des Katamarans am westeuropäischen Bootsmarkt für Motorboote, Segelyachten und Jollen, der in 2002 rund 3 Mrd. Euro ausgemacht hat, bei ungefähr 5 %. Die europäischen Marktführer Fountaine Pajot und die Beneteau-Tochter Lagoon - beide aus Frankreich und beide auf der Boot Düsseldorf vertreten - bauen je 150 und 130 Einheiten jährlich. Nachfrage wachsend. Diesen Trend bestätigt Designer Nissen: "Mehr Raum, mehr Sicherheit, mehr Geschwindigkeit - bis 15 Knoten im Vergleich mit den früheren behäbigen acht oder neun Knoten eines Kreuzerkatamarans. Das spricht sich herum."

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