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10.01.2003

07:36 Uhr

Konzern plant Einstieg ins Nahverkehrsgeschäft in Großbritannien

Deutsche Bahn zieht es nach Schottland

VonAndreas Hoffbauer

Die Deutsche Bahn AG erwägt den Einstieg in den britischen Schienenverkehr und könnte in einem ersten Schritt den gesamten Personenverkehr in Schottland übernehmen. Das Unternehmen bestätigte dem Handelsblatt, es prüfe ein Angebot für die neu ausgeschriebene schottische Betreiberlizenz.

LONDON. Diese startet im April 2004 für zunächst sieben Jahre. Das schottische Netz befördert jährlich mehr als 63 Millionen Personen. Für die Deutsche Bahn wäre dies im Nahverkehr der erste Schritt ins Ausland. Eine Bahnsprecherin schloss die Übernahme von Bahnlizenzen auch in England nicht aus.

Dies dürfte bereits Thema beim Besuch von Bahnmanagern in London sein, die sich nach Auskunft der britischen Bahnbehörde SRA für Februar angesagt haben. Bahnchef Hartmut Mehdorn wird Anfang Juni an der Themse sein, um für seinen Konzern zu werben. Denn im britischen Bahnbetrieb werden die Karten neu gemischt: Seit der Privatisierung Anfang der neunziger Jahre steht die erste große neue Lizenzrunde an. Von insgesamt 28 Betreibergenehmigungen laufen im Frühjahr 2004 ein Dutzend aus.

Anders als in Deutschland wurden bei der Privatisierung der britischen Bahn Schiene und Zug klar getrennt. Das gesamte Netz unterliegt seitdem Network Rail (Ex-Railtrack). Die Fahrlizenzen werden von der Londoner Strategic Rail Authority (SRA) vergeben. Nach mehreren schweren Zugunfällen und der Pleite von Railtrack wird in London jedoch auch über eine Rückgabe des Netzes an die Betreiber nachgedacht. Ein Modell, das Mehdorn schon lange favorisiert.

Die Offerte für Schottland muss nach Auskunft der Behörde SRA bis Ende Januar vorliegen. Man rechne fest mit einem Angebot der Deutschen Bahn. Im März oder April soll es eine Vorauswahl unter den neun Bewerbern geben, im Herbst soll die Entscheidung fallen. Den Deutschen werden besonders gute Chancen eingeräumt. Ken Sutherland von der schottischen Bahnentwicklungsgesellschaft: "Die Deutsche Bahn steht für den Bau verlässlicher und attraktiver Zugverbindungen und hat gezeigt, wie man die Menschen auf die Schiene holt."

Für die Bahn AG geht es darum, endlich, wie etwa die französische Staatsbahn SNCF, im ausländischen Nahverkehr mitzureden. "Grundsätzlich ist das Ausland für uns ein sehr interessanter Markt", sagt die Bahnsprecherin zu den Ambitionen. Eine erste Bewerbung in Dänemark für die Region Westjütland hatte nicht den Zuschlag erhalten.

Das Projekt Schottland ist viel größer. Die Region ist neben dem Großraum London die größte Bahnlizenz auf der Insel. Bislang hält der Betreiber Scotrail die Genehmigung für die rund 2 000 täglichen Verbindungen. Dazu gehören auch die Nachtexpress-Züge von Schottland nach London sowie die lukrative Schnellstrecke zwischen den schottischen Metropolen Glasgow und Edinburgh - bislang allerdings die einzig Gewinn bringende Route.

Scotrail, eine Tochter der National Express Group mit neun britischen Bahnlizenzen, schreibt rote Zahlen. Der Betreiber ist, ebenso wie Virgin oder die französische Connex-Gruppe, wiederholt durch schlechten Service und Unpünktlichkeit aufgefallen.

Dies liege vor allem an dem maroden schottischen Schienennetz, heißt es bei National Express. Vor allem die einsamen Strecken im Hochland seien keine Goldgrube. "Ehrlich gesagt wäre es billiger, die Passagiere im Taxi hin und her zu kutschieren", sagt eine Firmensprecherin. Auf die Deutsche Bahn kämen massive Probleme oder hohe Investitionen zu.

Allerdings bekommt Scotrail auch die größte staatliche Unterstützung: knapp 1 Mill. Euro am Tag. So viel erhält kein anderer britischer Zugbetreiber. Grundsätzlich werde sich an dem Finanzierungssystem nichts ändern, heißt es bei der SRA. Allerdings hänge die Höhe der Unterstützung von der Offerte ab.

Bei der SRA ist man "überrascht über die große Nachfrage" nach der schottischen Lizenz. Dies wird als Zeichen gewertet, dass vor allem die Bieter aus Dänemark, Holland, Frankreich (SNCF) und Deutschland unbedingt auf der Insel Fuß fassen wollen. Neben ihnen bewerben sich die bereits aktiven Betreiber Scotrail, First Group, die französische Connex-Gruppe, GB Railways und die britische Arriva.

Quelle: Handelsblatt

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