Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.03.2003

10:00 Uhr

Kosmischer Vogel aus anderer Welt

Keo ist eine eigenwillige Synthese aus Kunst und Wissenschaft

VonChristoph Hardt

Im alten Franziskanerkonvent im Pariser Universitätsviertel hat sich eine Hand voll Weltraum-Enthusiasten eingenistet. Sie wollen Keo ins All bringen, einen Satelliten, der zugleich Kunst ist.

PARIS. Auf der Wendeltreppe im einstigen Franziskanerkonvent führt jeder Schritt zurück in die große Vergangenheit. "Willkommen im Club der Freunde der Menschenrechte", sagt Jean-Marc Philippe an der Tür im dritten Stock. Hinter diesen mächtigen Mauern im Pariser Universitätsviertel haben vor 213 Jahren Marat und Danton den Club der radikalen Jakobiner gegründet. Heute ist hier Keo. Am Konferenztisch angekommen, schaltet Monsieur Philippe sein Notebook an, blickt hinüber Richtung Notre-Dame und beginnt von einem Geschehen zu berichten, das sich in 50 000 Jahren ereignet - möglicherweise.

Jean-Marc Philippe ist Künstler, Wissenschaftler und Manager, alles auf einmal. Entsprechend aufgekratzt wirbelt der drahtige Mann mit dem weißen Spitzbart durch das alte Gemäuer. 800 Jahre vor ihm haben hier die berühmtesten Theologen des Abendlandes angefangen, Aristoteles zu unterrichten: De Caelo, über den Himmel.

Vor acht Jahren hat sich Philippe mit einer Hand voll Leuten einem Projekt verschrieben, das einem eigentlich nur einfallen kann, wenn man als Franzose auf die Welt gekommen ist, so reich ist an Fortschrittsglauben und historischem Bewusstsein zugleich. Keo, das ist Projekt und Objekt zugleich, ein Weltraumvogel mit beweglichen Flügeln, ein Satellit, der im Jahr 2005 ins All starten und dann auf einer weiten elliptischen Bahn 50 000 Jahre um die Erde kreisen soll, um zurückzufallen auf den blauen Planeten, unversehrt kündend von einer Generation, die sich gerade wieder damit beschäftigt, wie es ist, Krieg zu führen.

Keo, das wird eine globale Performance im Weltall, ein passiver Satellit mit einer Außenhaut aus Titan und einer Innenhaut aus Tungsten, 80 Zentimeter groß, 100 Kilo schwer, mit beweglichen Flügeln. Zwei Jahre lang hat Aerospatiale-Matra am Keo-Projekt geforscht, damit das Ding aus der dann anderen Welt 50 000 Jahre kosmischer Strahlung übersteht und auch noch unversehrt zur Erde zurückkehrt. Die französische Raumfahrtbehörde CNES begleitete die Forschung, testete, prüfte - das Gewicht konnte so halbiert werden.

Was in Europas Luft- und Raumfahrt Rang und Namen hat, findet sich heute in der Unterstützerliste des gemeinnützigen Projekts. Die beteiligten Unternehmen von Air France bis EADS betrachten ihr Engagement auch als Plattform für die Selbstdarstellung. So hat Arianespace zugesagt, Keo auf einem ihrer Flüge mitzunehmen, als Beipack - kostenlos versteht sich. Keo wird dann als kosmischer Frachter unterwegs sein. Die Ladung: zunächst ein künstlicher Diamant mit vier Einschlüssen, Wasser, Erde, Luft und ein Tropfen Blut, Menschenblut. Außerdem ein Mosaik aus Holografien von Menschengesichtern aus aller Herren Länder und eine Sammlung des verfügbaren Wissens.

Vor allem aber wird Keo Sehnsüchte enthalten, Gedanken, Träume. Denn im Kern des Satelliten stecken gehärtete und vergoldete Glasplatten. Hierin speichert die Firma Plasmo mit modernster Lasertechnologie Botschaften aus aller Herren Länder. Das ist der Clou des Projekts: Jeder Erdenbürger hat die Chance, der Zukunft auf bis zu vier Seiten Text zu hinterlassen, die auf Keos hitzebeständigen Platten gespeichert sind. "Keo, das ist eine kosmische Flaschenpost", sagt Philippe und zieht ein Stück Draht aus der Tasche und schaltet eine Tischlampe an.

Der Draht entpuppt sich als High-Tech-Gebilde, das seine Form je nach Temperatur verändert. "Shape memory alloy" nennt er das Material, das er zusammen mit Raychem in den USA entwickelt hat. Viele preisgekrönte Kunstobjekte sind daraus entstanden. Gestalten verändern sich mit diesem Material scheinbar fließend und doch geplant. Das Metall wird bei Keo dafür sorgen, dass sich dessen Flügel im All langsam bewegen, je nach Sonneneinstrahlung, mit einem guten Teleskop zu beobachten. Insofern soll Keo auch die Sinne bewegen, ein Objekt am Himmel, schön und geistreich zugleich.

In der frankofonen Welt, von Quebec bis Kamerun, ist Keo (www.keo.org) längst zum Begriff geworden. Und auch in Indien hat das Projekt, gesponsert vom Telekom-Riesen Orange India, jüngst für Furore gesorgt. Die Unesco hat Keo zum "Projekt des 21. Jahrhunderts" ausgewählt. Philippe ist nun auf der Suche nach weiteren Unterstützern, Leuten aus Unternehmen wie François Brousse, Communication Manager von Air France: "Wir sind Keo von Anfang an verbunden gewesen und spüren sogar eine sozusagen moralische Verpflichtung, dem Vorhaben bis zum Erfolg beiseite zu stehen."

Schon sind es laut Philippe Hunderttausende, die, in 60 verschiedenen Sprachen, gemailt, gefaxt oder geschrieben haben, um ihre Gedanken zu verewigen. "Wir müssen jetzt auch in den germanischen und angelsächsischen Ländern bekannt werden", sagt Philippe.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×