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21.01.2001

19:00 Uhr

Kräftiger Rückgang des Weltölverbrauchs im Frühjahr erwartet

Abbau der Ölpreisturbulenzen ist nicht in Sicht

VonHEINZ JÜRGEN SCHÜRMANN

Die bereits im Dezember 2000 rückläufige Erdölproduktion in der Welt wird im Februar weiter schrumpfen. Im Frühjahr zeichnet sich aber ein kräftiger Verbrauchsrückgang ab. Angesichts geringer Bevorratungsbestände und schwankender Ausfuhren aus dem Irak bleiben die Weltölmärkte außerordentlich labil.

DÜSSELDORF. Auf den Weltölmärkten sind geringere Fördermengen der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) schon diskontiert worden, obwohl die Quotenentscheidung noch ausgestanden hat. Das steht im "Monthly Oil Market Report" der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris. 2001 könnte ein Jahr mit überraschenden Entwicklungen werden, so lässt sich der Jahresbericht zusammenfassen. Die IEA-Experten stellen heraus, dass die gesamtwirtschaftliche Lage "fragiler Natur" sei; die Auswirkungen der relativ hohen Ölpreise auf das Wirtschaftswachstum und die Energienachfrageentwicklung entzögen sich weitgehend einer einigermaßen robusten Prognose.

Angesichts vieler Unwägbarkeiten sind damit schon wieder große Turbulenzen möglich. Diese Einschätzung teilt auch Jeroen van der Heer, "Managing Director" der Royal Dutch/Shell-Gruppe, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die IEA hat nun im Vergleich zum vorigen Monatsbericht ihre Verbrauchsprognose etwas niedriger angesetzt. Die Weltölnachfrage wird demnach für 2001 mit 77,3 Mill. Barrel pro Tag (b/d) um knapp 0,3 Mill. b/d geringer eingeschätzt. 2000 waren es 75,6 Mill. b/d und 1999 im Jahresdurchschnitt 74,8 Mill. b/d. Mit ihrer Hochrechnung liegen die IEA-Experten aber noch relativ hoch. Statt des absoluten Zuwachses von 1,7 Mill. b/d könnten es auch nur etwas mehr als 0,5 Mill. b/d werden, wie das New Yorker Fachblatt "Petroleum Intelligence Weekly" nach einer Auswertung verschiedener Prognosen berichtet.

Die Opec sorgt sich vor allem über den saisonalen Verbrauchseinbruch in den nächsten Monaten. Die IEA rechnet im ersten Quartal 2001 (2000) mit 77,4 (75,4) Mill. b/d. Im zweiten Quartal 2001 (2000) sollen es 75,4 (73,8) Mill. b/d werden.

Saudi-Arabien machte deutlichen Druck

Bei der Ölministertagung der Opec am vergangenen Mittwoch wollten einzelne Mitglieder die Produktionsquote daher bereits ab Februar um 2,0 Mill. b/d kürzen. Unter Druck von Saudi-Arabien, dem wichtigsten Kartellmitglied, wurde einvernehmlich ein Abschlag von 1,5 Mill. b/d vereinbart. Am 16. März, beim nächsten Halbjahrestreffen der Opec, soll entschieden werden, ob die beschlossenen Markträumungsopfer ausreichen, um einer preisdrückenden Ölschwemme im Frühjahr vorbeugen zu können.

Erstmals setzten sich die IEA-Experten in ihrem Bericht mit den neuen preispolitischen Zielvorstellungen der Organisation auseinander. Die Kartellmitglieder wollen nun die 25-Dollar-Marke ansteuern, wobei ein Schwankungsbereich zwischen 22 und 28 $ je Barrel (159 Liter) akzeptiert werden soll. Noch in den 90er-Jahren wurde der Mindestpreis von 21 $/b angestrebt. Die in Paris zusammengestellte Entwicklung zwischen 1993 und 2000 macht aber deutlich, dass der Referenzerlös der von der Opec ausgewählten Rohölsorten selbst bei Durchschnittswerten auf Quartalsbasis zwischen etwas über 10 $ und beinahe 30 $ schwankte. In der Betrachtungsperiode wurden durchschnittlich 18 $/b realisiert.

Die im Kartelllager offiziell beschlossene Zielsetzung einer Marktstabilisierung bleibt wohl ein Wunschtraum. In Paris heißt es, die unterschiedlichen Äußerungen der einzelnen Opec-Staaten zu den Mengen- und Preiszielen trügen zur spekulativen Destabilisierung bei. In jedem Fall seien die nun für die Zukunft angepeilten Preisziele wesentlich höher als die in der Vergangenheit erreichten Werte.

Wie die Opec die notwendige Feinsteuerung ihres Angebots angesichts schwankender Beiträge durch kartellungebundene Anbieter und der ungewissen Wachstumsentwicklung beim Weltölverbrauch managen will, ist derzeit ungelöst. Die internationalen Ölkonzerne richten sich daher in ihren Investitionsplanungen auf große Preisvolatilitäten ein, so das Resümee im Gespräch mit Shell-Spitzenmanager van der Veer.

Non-Opec-Beitrag wird kräftig wachsen

In Paris wird davon ausgegangen, dass der Non-Opec-Beitrag kräftig wachsen wird. 1999 lag dieses Aufkommen durch kartellungebundene Quellen bei 44,7 Mill. b/d und 2000 bei 45,9 Mill. b/d. Für dieses Jahr wird ein Anstieg auf 46,8 Mill. b/d als plausibel erachtet.

Im letzten Jahr kam es zu starken Schwankungen im globalen Ölaufkommen, der insgesamt um fast 2,6 Mill. b/d auf knapp 76,7 Mill. b/d stieg. Die weltweiten Vorräte wurden damit um 1,1 Mill. b/d aufgestockt . Die IEA gibt dennoch zu verstehen, dass die Ende der 90er Jahre weltweit stark abgebauten kommerziellen Bestände nach wie vor relativ niedrige Werte aufwiesen und damit auch die Pufferfunktion für den Fall überraschender Entwicklungen auf der Angebots- wie Nachfrageseite schwach bleiben müsste.

Eine besonders unsichere Größe ist Irak, der am Produktionsquotenabkommen der Opec nicht teilnimmt. Im Dezember 2000 rutschte der Produktionsbeitrag der elf Kartellmitglieder um 1,7 Mill. b/d (weltweit um mehr als 1,3 Mill. b/d) auf knapp 30,8 (weltweit 77,2) Mill. b/d. Dabei ging die Produktion im Irak um fast 1,6 auf gut 1,3 Mill. b/d zurück. Die irakischen Exporte beliefen sich im Dezember 2000 im Monatsdurchschnitt lediglich auf 0,5 Mill. b/d; im Vormonat waren es noch 2,2 bis 2,3 Mill. b/d.

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