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02.01.2005

00:45 Uhr

Kranken- und Pflegeversicherung

Eine goldene Krone auf Kredit

VonKarl Doemens

Für Zahnersatz und Pflegekasse müssen viele Versicherte im neuen Jahr mehr bezahlen. Die Dentisten haben sich auf die neue Zeit schon vorbereitet.

HB BERLIN. "Kein Patient muss aus Geldnot auf nötige Behandlungen verzichten", erklärt Wilfried Beckmann, der Präsident des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte, und preist den neuen Ratenkredit der Postbank - Tochter DSL an: Für nur 6,66 Prozent Zinsen würden dort schicke Keramikkronen und elegante Implantate finanziert.

Obgleich Beckmanns Vorstoß bei rot-grünen Gesundheitspolitikern und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) auf wenig Begeisterung stößt - KZBV-Chef Jürgen Fedderwitz spricht von "unsinniger öffentlicher Panikmache" -, entbehrt er nicht eines realen Hintergrunds: Zum Jahreswechsel ändert sich nämlich für die 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten das Zuschuss-System beim Zahnersatz.

Erstatten AOK, Barmer & Co. bislang je nach vorheriger Pflege 50 bis 65 Prozent der effektiven Kosten einer genehmigten Behandlung, so gibt es künftig einen Zuschuss von 50 bis 65 Prozent zur Standardtherapie. "In mehr als 90 Prozent der Fälle ändert sich nichts", sagt Fedderwitz. Das gilt beispielsweise für die Brücke bei einem fehlenden Zahn. Relevant wird die Neuerung jedoch bei allen aufwendigeren Therapien, die über die Regelversorgung hinausgehen: Sie wurden bislang überhaupt nicht von der Kasse bezahlt. Jetzt erhält der Patient, der beispielsweise ein Implantat für 1 600 Euro wünscht, den Zuschuss zur Brücke (z.B. 350 von 700 Euro) ausbezahlt. Den Rest muss er aus eigener Tasche löhnen.

Während die Festzuschüsse schon vom 1. Januar 2005 an gelten, greift die viel diskutierte Finanzierungsreform beim Zahnersatz erst zum 1. Juli 2005. Eigentlich hatten Regierung und Opposition bei den Konsensgesprächen zur Gesundheitsreform vereinbart, Brücken, Kronen und Prothesen komplett aus dem Katalog der gesetzlichen Kassen zu streichen. Dann hätten die Patienten wahlweise eine gesetzliche oder private Extra-Police abschließen müssen. Angesichts gewaltiger Probleme bei der Umstellung und eines enormen Aufwands zur Erhebung der absehbar geringen Beiträge änderte die Koalition im Alleingang dieses Vorhaben ab: Nun bleibt der Zahnersatz im Leistungskatalog der Kassen, muss aber zusammen mit dem Krankengeld alleine von den Versicherten bezahlt werden.

Den Arbeitgebern bringt das eine jährliche Entlastung von 4,5 Mrd. Euro bei den Lohnnebenkosten. Für die Arbeitnehmer steigt der Beitrag zur Krankenkasse unter dem Strich um 0,45 Beitragspunkte. Bei Gutverdienern sind das bis zu 15,86 Euro im Monat.

Weitere 0,25 Beitragspunkte müssen bereits von Januar an elf Millionen Menschen zusätzlich überweisen, die nach der Definition von Rot-Grün als kinderlos gelten. Mit diesem Malus setzt die Regierung ein Verfassungsgerichtsurteil um, das die Besserstellung von Familien in der Pflegeversicherung verlangt hatte. Wer leibliche Kinder, Pflegekinder oder Stiefkinder hat, der ist von dem Zuschlag befreit. Nicht zur Kasse gebeten werden auch unter 23-Jährige sowie Rentner, die vor 1940 geboren wurden. Für Bezieher des Arbeitslosengeldes II überweist die Bundesagentur pauschal 20 Mill. Euro an die Pflegeversicherungen. Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) hofft insgesamt auf Mehreinnahmen von 700 Mill. Euro. Das wird jedoch kaum reichen, um das laufende Defizit der Pflegekassen 2005 zu decken, das Experten auf etwa eine Mrd. Euro schätzen.

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