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07.01.2001

15:11 Uhr

Krebserkrankungen unter Balkan-Soldaten verdeutlichen Bedarf an engerer Abstimmung

Kommentar: Nato kann Sorgen in der EU nicht mehr ignorieren

VonJOACHIM HOENIG, Brüssel

EU und Nato stellen dieser Tage in kaum zu überbietender Weise ihre unterschiedlichen Interessen zur Schau. EU-Politiker aller Couleur sind von Stockholm bis Lissabon besorgt über die ungeklärten Blutkrebserkrankungen bei Soldaten, die in den 90er-Jahren zu Friedenseinsätzen in Bosnien und im Kosovo waren. In der Brüsseler Nato-Zentrale heißt es hingegen ebenso kurz und knapp wie in Washington: Es gibt keine Beweise für einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz uranhaltiger Geschosse und den sich häufenden Leukämie-Fällen.

"Runterspielen" lautet die Devise bei der Nato in Brüssel, wo sich diese Woche die Botschafter der Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz mit den Beobachtungen in Italien, Frankreich, Belgien und Portugal befassen werden.

Die Nato zieht ihr Wissen aus Untersuchungen der US-Regierung nach dem letzten Golfkrieg. Damals sei kein Zusammenhang zwischen dem radioaktiven Staub, der bei dem Aufprall der Geschosse frei wird, und einer erhöhten Rate an Krebserkrankungen beobachtet worden. Mit Blick auf die Balkan-Kriege wird hilflos hinzugefügt, dass die veralteten Industrien Ex-Jugoslawiens als Dreckschleudern eine große Belastung für Mensch und Umwelt darstellen. Um sich aller Verantwortung zu entledigen, fügt man in Brüssel hinzu, dass es sich bei den uranhaltigen Geschossen nicht um Nato-Waffen, sondern um US-Munition gehandelt habe. Und die Zahl der im Kosovo und Bosnien eingesetzten uranhaltigen Geschosse, 49 000, wurde in Washington genannt, nicht in Brüssel.

Das Verteidigungsbündnis wird die Angelegenheit nicht einfach abtun können, auch wenn Generalsekretär Robertson nun zugesichert hat, eine Liste mit den Zielen zusammenzustellen, die getroffen worden sind. Die EU-Staaten unter den Nato-Mitgliedern haben eingehende Untersuchungen bei ihren Veteranen der Balkan-Einsätze angekündigt. Der Ruf nach einem Verbot uranhaltiger Waffen wird laut.

Mit der Ignoranz, mit der die Nato die Sorgen in der EU behandelt, wird sie ihrer politischen Verantwortung in einem sich ändernden Umfeld nicht gerecht. Die EU übernimmt derzeit schrittweise eine größere eigenständige militärische, auf Krisenbewältigung begrenzte Verantwortung. Die politischen Strategen in der Nato müssen diese Gegebenheiten in ihr Kalkül mit einbeziehen. Einen intensiven Dialog zwischen EU und Allianz gibt es abgesehen von Spitzentreffen noch nicht. Bislang geht nur die EU auf die Nato zu, da sie im Fall eines Kriseneinsatzes auf deren Infrastruktur angewiesen ist. Die ungeklärten Leukämie-Erkrankungen zwingen aber auch die Nato, sich intensiver mit der EU zu befassen. Im aktuellen Fall heißt dies: mehr Transparenz. Die sensible Öffentlichkeit lässt sich mit herbeigeredeten Erklärungen nicht abspeisen. Für die EU-Politiker ist dies eine Binsenweisheit. Bei der Nato muss man das noch lernen.

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