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22.01.2003

08:33 Uhr

Kredite

Analyse: Ausdruck der Not

VonChristian Potthoff

Seit jener Äußerung von Bankenverbandschef Rolf-E. Breuer, die Banken sollten die Leitzinssenkung der EZB nicht weitergeben, werfen Politiker und Verbraucherschützer der Branche Abzockerei vor.

Die Banken stehen mal wieder am Pranger. Seit jener unglückseligen Äußerung von Bankenverbandschef Rolf-E. Breuer, die Banken sollten die jüngste Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht weitergeben, werfen Politiker und Verbraucherschützer der Branche Abzockerei vor. Nun müssen sich die Institute auch noch vorrechnen lassen, dass sie mit Zinserhöhungen schneller bei der Hand sind als mit Zinssenkungen. Wirklich üble Gesellen, diese Banker, könnte man meinen.

Doch eine pauschale Bankenschelte ist ökonomisch unsinnig. Denn die Kreditinstitute streben nur nach dem, was alle Firmen in einer Marktwirtschaft tun sollten: Sie wollen Geld verdienen. Und gerade daran hapert es. Praktisch das gesamte Kreditgewerbe leidet unter einer prägnanten Ertragsschwäche. Besonders schlimm steht es um die Großbanken, die mit Ausnahme der Deutschen Bank im europäischen Vergleich ganz am Ende rangieren und im dritten Quartal 2002 allesamt in die roten Zahlen rutschten.

Jetzt endlich werden diese Probleme energisch angegangen - zum Glück, denn ein marodes Bankensystem wäre das Letzte, was Deutschland brauchen könnte. Doch zu einer wirklichen Gesundung reichen drakonische Sparpakete, wie sie die gesamte Branche durchexerziert, alleine nicht. Niemand kann es den Banken daher verübeln, wenn sie jetzt die Kreditmargen erhöhen wollen. Denn gerade im Kerngeschäft wird erschreckend wenig verdient. Nach Angaben der Bundesbank sinkt die Zinsmarge seit Jahren und fiel 2001 auf ein Rekordtief. Neben dem harten Wettbewerb auf der Einlagenseite rächt sich hier die allzu großzügige Kreditvergabe der Banken. Zu lange wurden Kredite insbesondere an weniger gute Adressen zu billig vergeben. Diese Schwäche hat die Diskussion um die neue Eigenkapital-Richtlinie (Basel II) schonungslos offenbart.

Jetzt halten die Großbanken dagegen: Sie versuchen zum einen, Kredite "risikogerecht" zu preisen - also die Darlehen gerade an schlechte Adressen zu verteuern. Zum anderen treten sei bei der Kreditvergabe schlicht auf die Bremse. Dass dem Mittelstand diese Gangart missfällt, ist selbstverständlich. Allerdings können sich die deutschen Firmen nicht unbedingt über hohe Kreditkosten beklagen. Nach einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) liegen die Zinsaufwendungen der deutschen Unternehmen in Europa im Mittelfeld - und dies, obwohl die deutschen Firmen wegen ihrer geringen Kapitaldecke relativ hohe Schulden haben.

Dennoch birgt die restriktive Kreditpolitik der Banken natürlich Risiken für die Konjunktur. Wenn die Geldbeschaffung für die Unternehmen schwieriger wird, können Investitionen gestrichen werden. Aber bisher treten die Sparkassen zumindest teilweise an die Stelle der Banken. Sie weiten im Gegensatz zu den Banken die Kreditvergabe an Firmenkunden aus.

Das aggressive Vorgehen der Sparkassen ist zugleich ein Indiz dafür, dass der Wettbewerb im Kreditgewerbe gut funktioniert. Daher sollte man Breuers ungeschickte Zinsempfehlung nicht überbewerten. Niemand kann ernsthaft glauben, dass sich die über 2 500 Banken, Sparkassen und genossenschaftlichen Kreditinstitute ihre Geschäftspolitik von Breuer diktieren lassen. Die zögerliche Reaktion der Banken auf die jüngste Leitzinssenkung ist vor allem Ausdruck der eigenen Not.

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