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05.07.2000

09:55 Uhr

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Kreditkarten-Betrug nimmt zu

Betrügereien bei Internet-Käufen werden für die Kreditwirtschaft zum Problem. Die Netz-Kriminalität per Kreditkarte nimmt zu, jede zehnte Internet-Transaktion ist betrügerisch, teilte die Euro-Kartensysteme, ein Gemeinschaftsunternehemen der deutschen Kreditwirtschaftmit, jüngst mit.

dpa/afp/kag FRANKFURT. Die deutsche Kreditwirtschaft hat zunehmend Probleme mit Kreditkarten-Betrug bei Internet-Käufen. Die Betrugsquote beim Einsatz von Kreditkarten im Internet sei sehr hoch, teilte die Euro Kartensysteme in Frankfurt am Main mit. Euro Kartensysteme ist ein Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Kreditwirtschaft und fungiert als Dienstleister für Eurocard und Visa.

Bei Eurocard mache die Zahlung per Karte im weltweiten Datennetz bislang zwar weniger als ein Prozent des Umsatzes aus, hieß es weiter. Dennoch führe sie etwa zur Hälfte aller Reklamationen. Jede zehnte Internet-Transaktion sei betrügerisch. Die Zuwachsrate in diesem Kriminalitätsfeld liege bei 40 %. "Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass von schätzungsweise 26 000 Internetshops in Deutschland 18 000 die Transaktionen nicht oder zumindest ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen abwickeln", erklärt Jürgen Platt, Geschäftsführer von Transact, einer Gesellschaft für elektronische Zahlungssysteme in München.
"Es besteht auf jeden Fall ein erhöhter Sicherheitsbedarf", konstatiert Platt. Doch die Mechanismen, die eine frühzeitige Erkennung von Kreditkartenbetrug durch untypische Verhaltensmuster erlauben - beispielweise wenn mit der gleichen Kreditkarte an einer Tankstelle mehrere Bezahlungen an einem Tag vorgenommen werden - stecken noch in den Kinderschuhen.

Vor dem Hintergrund zunehmender Kreditkartenbetrüge, insbesondere bei Erotikangeboten - bereits vor wenigen Wochen beschloss das US-Kreditkarteninstitut American Express, die Abwicklung von Transaktionen für Sexprodukte zu verweigern - erklärte Eurocard-Pressesprecher Herbert Euler gegenüber Handelsblatt.com: "Die Betrugsfälle nehmen zu. Im Bereich Sex-Shopping sind sie besonders auffällig geworden. Wir beobachten die Entwicklung sehr misstrauisch".

Nach Angabe von Euro-Kartensysteme würden unterdessen rund 80 % der Betrügereien im Internet-Land USA registriert: Einkaufswillige Netz-Surfer sollten daher nur mit ihrer Kreditkarte bezahlen, wenn sie die Unternehmen gut kennen. Nur so könnten sie vermeiden, auf "schwarze Schafe" zu treffen.


Identifizierung der Geschäftspartner

Indes bleibe auch dann ein Risiko bestehen, wenn die Datenübertragung selbst nicht sicher sei, erklärt Platt. Es müsse grundsätzlich zwischen drei Sicherheitsstufen unterschieden werden: allzu oft würden gänzlich ungesicherte Transaktionen geführt, die es jedem Hacker ermöglichen, aus dem weltweiten Datenstrom die Bankidentität eines Händlers zu ermitteln und zu missbrauchen. Eine verbesserte Sicherheit biete das SSL-System (Secure Socket Layer): Die vertraulichen Kreditkartendaten werden dabei mit der größtmöglichen Verschlüsselung (128bit) codiert, wenngleich auch heute noch geringere Verschlüsselungsstufen (z.B. 40bit) verwendet werden. Den neuesten Stand in Sachen Sicherheit bietet das SET (Secure Electronic Transaction). Neben der oben angesprochenen Verschlüsselung garantiert dieses Verfahren auch die Authentizität von Shop und Karteninhaber. Das System wird häufig von Zahlungssystem-Anbietern im Internet zum Herunterladen offeriert.

Eine erfolgreiche Identifizierung per SET erfordert eine beidseitige Ausrüstung mit dem System, sowohl des Händler als auch des Kunden. Dieser Aspekt sei gegenwärtig ein Hindernis für die Verbreitung von elektronischen Zahlungsebwicklungen in Deutschland, notiert Platt. Für die Installation des SET-Verfahrens seien zusätzliche Investitionen für den Shopbetreiber notwendig, die viele Händler abschrecken - und womöglich nutzlos sind, wenn die Kunden nicht ebenfalls mit SET ausgerüstet sind.

3 Monate Rücktrittrecht für Kreditkarten-Transaktionen

Nach Informationen der Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) werden die meisten illegal erworbenen Kreditkarten-Nummern jedoch nicht von den Karten-Besitzern gestohlen, sondern von Computerprogrammen automatisch erzeugt. «Da es nur eine begrenze Zahl von möglichen Nummer gibt, ist es ein Leichtes, eine gültige Nummer zu ermitteln», sagte Hanns-Michael Hepp, der bei der GZS für Sicherheitssysteme zuständig ist. Die Zahl der Kreditkarten, die durch ungesicherte Datenübertragungen gestohlen würden, sei sehr gering. Die GZS ist für die technische Abwicklung von Kreditkarten-Transaktionen zuständig.

Für den Kunden sei in erster Linie wichtig, dass der Kartenbesitzer nicht für den Schaden aufkommen müsse. Jede Kreditkarten-Transaktion könne innerhalb von drei Monaten rückgängig gemacht werden, sagte Hepp. Der Kartenbesitzer trage nicht die Beweislast, dass er den Einkauf getätigt hat. Dennoch raten Experten, beim Online-Shopping mit der Karte besonders darauf zu achten, dass die Übertragung der Kreditkarten-Nummern zwischen dem Heim-PC und dem Online-Geschäft verschlüsselt geschieht. Bei den Internet-Browsern Netscape Navigator und Microsoft Internet Explorer wird eine sichere Datenübertragung dadurch angezeigt, dass am unteren Rand des Browser-Fensters ein geschlossenes Vorhängeschloss erscheint.

Geringe Akzeptanz von Zahlungsabwicklungen im Internet

Jedoch ist die Bereitschaft der Deutschen, im Internet Geschäfte abzuwickeln, im internationalen Vergleich als besonders bescheiden. Nach Eurocard-Angaben waren in Deutschland rund 16,5 Millionen Kreditkarten in Umlauf - knapp neun Prozent mehr als im Jahr zuvor. Hinter England und Frankreich liege Deutschland erst auf Rang drei: bislang verfüge nur jeder vierte Verbraucher über eine Karte. Entsprechend niedrig sei hierzulande das Interesse, Transaktionen im Internet abzuwickeln, beteuerte Euler: "Da ist die Akzeptanz im Moment noch viel zu niedrig".

Weltweit scheinen die Zeiten stürmischen Wachstums in der Kreditkartenbranche langsam vorbei zu sein: So stieg der Transaktionsumsatz mit den Plastikkarten der Banken und Sparkassen 1999 nach Angabe von Eurocard nur noch leicht; der Jahresumsatz pro Karteninhaber sei ebenfalls deutlich gesunken. Trotzdem sagt Euler der Branche eine erfolgreiche Zukunft voraus: Es stehe mit der allmählichen Verbreitung von E-Commerce in Deutschland eine "sprunghafte Entwicklung" bevor.

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