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25.03.2003

10:27 Uhr

Kriegsberichterstattung

Analyse: Niederlage in der Medienschlacht

VonJulius Endert

Der Versuch der Militärs, Reporter und Kameraleute in die Kampftruppen einzugliedern, produziert eine Flut von Bildern, die in ihren Auswirkungen aber verheerend für die USA und ihre Verbündeten ist.

Die Medienstrategie der Alliierten des Golfkrieges ist gescheitert. Der Versuch der Militärs, Reporter und Kameraleute in die Kampftruppen einzugliedern und damit für sich einzunehmen und kontrollierbar zu machen, produziert eine Flut von Bildern, die zwar in ihrer Entstehung weitgehend durch das Militär kontrolliert werden kann, in ihren Auswirkungen aber verheerend für die USA und ihre Verbündeten ist.

Es gibt gleich mehrere Gründe für das Scheitern dieser als "Embedded Media" bezeichneten Strategie. So kann das schnelle Erreichen der ersten militärischen Ziele nicht wie geplant dokumentiert werden. Stattdessen bilden sich an vielen Stellen im Irak Fronten, und die Soldaten kämpfen Mann gegen Mann. Darüber hinaus gibt es die ersten gefallenen US-Soldaten sowie Verletzte und Tote durch Unfälle. Für diese Szenen aus dem Schützengraben gibt es keine Zustimmung in der Öffentlichkeit.

Auch die Metapher der "chirurgischen Operationen" ist nicht mehr stimmig. Geprägt wurde dieser verharmlosende Ausdruck im ersten Golfkrieg. 1991 wurden nur wenige Aufnahmen freigegeben. Sie ließen den Krieg damals als sauberen Krieg erscheinen. Diesmal gehen Live-Übertragungen von den gewaltigsten Bombardements um die Welt, wie es sie in dieser Unmittelbarkeit noch nie zu sehen gab. Die Amerikaner bezeichnen diese Militärtaktik selbst als "Shock and Awe" - Schock und Ehrfurcht. Doch geschockt ist nicht die irakische Führung, sondern die westliche Öffentlichkeit. Die Bilder rufen Entsetzen hervor. Der gewaltige und gewalttätige Eindruck der Bomberattacken überträgt sich direkt auf den Zuschauer. Kein Mensch kann sich vorstellen, was dieses Vorgehen noch mit chirurgischen Schnitten zu tun haben soll.

Das Problem der "Embedded-Media-Strategie": Der Betrachter ist zwar gleichzeitig mit den Soldaten am Ort der Kampfhandlung, so entsteht eine gewisse Synchronizität von Geschehen und Beobachtung, aber die überwiegende Anzahl der auf diese Weise entstandenen Informationen aus dem Irak entzieht sich der Interpretationsmöglichkeit durch den Betrachter. Sie ergeben kein reales Bild der militärischen Lage. Vielmehr verdeutlichen sie in ihrem wirren Nebeneinander die Absurdität dieses Krieges. Dessen ist sich auch Donald Rumsfeld bewusst: Was Sie sehen, ist nicht das, was stattfindet (bezogen auf die Gesamtlage), es ist ein Ausschnitt der Realität, aber es passiert, sagte der US-Verteidigungsminister sinngemäß.

Ganz anders, als die Medienstrategen des Pentagons es sich vorgestellt haben, erkennen die Menschen in den USA und Europa ganz neue Zusammenhänge. Sie setzen das Puzzle aus Informationsfetzen zu einem anderen Bild zusammen. Sie erkennen den Krieg als das, was er ist: grausam, menschenverachtend und brutal. Die von den USA ausgegebenen Ziele dieses Einsatzes werden nicht deutlich, ebenso wenig eine Rechtfertigung. Stattdessen sehen die Menschen in den USA und Großbritannien nun Bilder von ihren Soldaten, die in diesem sinnlosen und unnötigen Kampf gefallen sind. Deshalb wächst der Widerstand in aller Welt, auch im Land von George W. Bush. Der Kriegsherr kann vielleicht noch die Kampfhandlungen kontrollieren, aber nicht mehr die öffentliche Meinung über seinen Krieg.

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