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02.04.2003

07:39 Uhr

Kriegstagebuch

Der Krieg, in Marmor gemeißelt

VonChristoph Nesshöver (Paris)

9 387 Mal ist in Colleville-sur-Mer das Ergebnis des Krieges in weißen Marmor gemeißelt: So viele Kreuze erinnern auf dem größten US-Soldatenfriedhof Europas an GIs, die bei der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 fielen.

"Gutes gibt es niemals umsonst", sagt Gene S. Dellinger, der den Friedhof leitet. Die Augen hinter der Goldrandbrille des US-Offiziers aus North Carolina haben schon viel gesehen. Wenn sie abends auf CNN die vorrückenden Soldaten im Irak schauen, dann weiß Dellinger, dass mancher von ihnen bald unter einem Marmorkreuz beerdigt sein wird. Amerika spart nicht, wenn es um die Ehre seiner Kriegstoten geht: 35 Millionen Dollar lassen sich die USA den Unterhalt ihrer 16 Soldatenfriedhöfe in Europa pro Jahr kosten. "Das ist der Respekt, den wir denen schulden, die für unsere Überzeugungen, für die Freiheit und für unsere Fahne gekämpft haben", sagt Dellinger.

Im Feld muss die Respektbekundung bescheidener ausfallen - notgedrungen. Mit einem improvisierten Kreuz aus Helm, Schutzbrille und Stiefeln des Soldaten kennzeichnen die Amerikaner im Irak die Stellen, wo GI?s starben. Bleiben werde sie dort aber nicht, weiß Friedhofsverwalter Dellinger: "Wir legen niemals Friedhöfe in Feindesland an." Nach dem Krieg werden alle Leichname zurück in die Heimat gebracht. Mancher wird sogar auf dem Heldenfriedhof in Arlington, der sich fast in Sichtweite des Weißen Hauses südlich von Washington erstreckt, die letzte Ruhe finden.

In Colleville-sur-Mer erweist Dellinger auf seine Weise den toten Soldaten Respekt: Für den harten Offizier mit dem sanften Händedruck heißt Respekt Ordnung, und zwar Ordnung am Rande des Peniblen. Rasen, Bäume und Sträucher auf den 172,5 Hektar oberhalb vom Landungsstrand "Omaha Beach" sehen aus wie gestanzt. Alle zwei Wochen stutzen 16 Gärtner per Hand das Gras am Fuße jedes einzelnen Grabsteins - auf dass kein Halm die Disziplin verliere. Keinen einzigen der bis zu zwei Millionen Besucher pro Jahr, die den Friedhof zu einer der zehn meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Frankreichs machen, will Dellinger enttäuschen. "Perfektion erreicht man natürlich nie", bedauert er. Aber es mache ihn schon stolz, wenn ihm Angehörige, die ihre Gefallenen in den USA begruben, sagen, dass ihre Toten in Colleville-sur-Mer besser aufgehoben gewesen wären.

Haben die französisch-amerikanischen Spannungen über den Irak-Krieg zu Vandalismus auf seinem Friedhof geführt - so wie gestern auf einem britischen Militärfriedhof, rund 300 Kilometer entfernt? Der Offizier mutiert zum Diplomaten: "Wenn bei mir zu Hause eingebrochen wird, dann will ich das auch nicht in der Zeitung lesen, sonst kommen andere noch auf Ideen . . ." Dellinger selbst ist mit Frankreich im Reinen. Seinen Lebensabend will er in seinem Haus in Bayeux verbringen: "Frankreich ist ein wunderbares Land."

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