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03.04.2003

08:42 Uhr

Kriegstagebuch

Gewächshäuser in der Wüste

Feisal ist ein stolzer Kuwaiter. Vor allem, wenn er seinen Dish-Dash trägt. Das lange weiße Tuch macht seine Gestalt noch schlanker, und der textile Kopfputz verleiht ihm große Würde. Wenn Feisal auf dem Weg zu seiner Arbeit an einen Checkpoint kommt, nehmen die Wachen wie selbstverständlich Haltung an. Flüchtig werden seine Papiere überprüft, dann lassen sie ihn passieren. Es ist eine natürliche Autorität, die den Mittvierziger umgibt.

Feisal muss in diesen Tagen viele Kontrollen erdulden. Denn seine Geschäfte führt er in der Nähe von Abdaly im Norden Kuwaits, nicht weit vom irakischen Grenzort Safwan entfernt - und damit in einem Gebiet, das ohne besondere Genehmigungen nicht betreten werden darf. Der Kuwaiter ist eine Art Landwirt. Er betreibt Gewächshäuser, und zwar dort, wo man sie nicht vermuten würde: inmitten der sandigen und staubigen Wüste.

Unter der Plastikfolie wächst vieles, was später auf den Märkten der Stadt wieder auftaucht. Bewässert von Grundwasser, das aus tiefen Brunnen geholt wird, und klimatisiert über ein ausgeklügeltes Umluftverfahren, bringt Feisal Gemüse zum Sprießen: Salat, Tomaten, Gurken - oder Kartoffeln. Es hat einige Jahre gedauert, bis sich die verwöhnten Einwohner von Kuwait-Stadt auf die Ware eingelassen haben. Aber heute hat er dort seine Fans. Diese lassen inzwischen das Überangebot an Importen aus aller Welt links liegen - für die Gewächshausware.

Die Idee mit den Gewächshäusern hatte eigentlich Feisals Bruder. Doch sie wurde ein Opfer der irakischen Invasion von 1990. Die hochmodernen Flachbauten aus Plexiglas wurden von den Truppen zerstört, vor allem wurde die computergesteuerte Bewässerungsanlage komplett vernichtet. "Die irakischen Soldaten wussten wohl nicht, was sie damit anfangen sollten", sagt Feisal heute bitter. Noch immer erinnern einzelne Kunststoffteile an den einstigen Glanz seiner Anbauanlagen. Auch Landwirt Feisal weiß, dass die Plastikfolie nur ein schlechter Ersatz ist. Aber die Millionen für eine solide Erneuerung hat er nicht. Und so schlägt die Folie schon nach ein bis zwei Jahren flatternd um die Stahlrohrgerippe. Sonne und Sandstürme lassen das Material schnell reißen.

Dem Dutzend Bangladeschi, die in einem Kreis sitzen, ist das egal. Sie sortieren Kartoffeln und packen sie dann in Kartons. Viele arbeiten schon lange bei Feisal, schicken ihren Verdienst nach Hause und reisen einmal im Jahr zum Heimaturlaub nach Bangladesch. Der Krieg ein paar Kilometer nördlich von hier interessiert sie nicht besonders. "Kuwait is good", sagen sie, als ihr Chef dabeisteht. Und sortieren emsig weiter.

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