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11.02.2001

17:45 Uhr

Krise am Neuen Markt drückt die Stimmung der Risikofinanziers

Wagniskapitalmarkt wächst langsamer

VonDIRK HINRICH HEILMANN

Der ganz große Boom auf dem Wagniskapitalmarkt scheint vorüber zu sein. Steckten die Kapitalgeber 1999 noch 72 % mehr Eigenkapital in deutsche Unternehmen als ein Jahr zuvor, so halbierte sich die Wachstumsrate im vergangenen Jahr auf 36 %. Im zweiten Halbjahr 2000 betrug das Plus nur noch 16 %.

HB DÜSSELDORF. Das geht aus den am Freitag veröffentlichten vorläufigen Jahreszahlen des Bundesverbandes deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) hervor. In absoluten Zahlen ist der Markt für Wagniskapital damit im vergangenen Jahr um zwei Mrd. auf 7,5 Mrd. DM gewachsen.

Der Abstand zum Mutterland des Venture-Capital wird damit immer größer: In den USA haben sich die Venture-Capital-Investitionen 2000 auf 103 Mrd. $ verdoppelt. Damit liegen sie fast 30 mal so hoch wie hier zu Lande. Doch das Ende der Entwicklung hat Deutschland nach Einschätzung von Experten noch keinesfalls erreicht.

Von einer Krise könne keine Rede sein, sagte BVK-Vorstandschef Albrecht Hertz-Eichenrode: "Ich erwarte eine relativ kurze Konsolidierungsphase." Die Turbulenzen in der Internet- Branche und am Neuen Markt haben viele Beteiligungsgesellschaften hart getroffen. Richtig sichtbar wird das aber nur bei den börsennotierten Wagniskapitalfirmen. Die meisten von ihnen haben 2000 zwei Drittel und mehr an Wert verloren.



Frühphasengeschäft lief auch 2000 gut

Im vergangenen Jahr habe trotz der Kurseinbrüche am Neuen Markt offenbar erneut das klassische Venture-Capital-Geschäft, also Beteiligungen an neu gegründeten Technologiefirmen, den Markt angekurbelt, teilte der BVK mit. Die Beteiligungsgesellschaften, die vor allem in diesem so genannten Frühphasengeschäft aktiv seien, hätten ihre Investitionen 2000 auf 3,5 Mrd. DM fast verdoppelt. In diesem Marktsegment wird nirgends in Europa so viel investiert wie in Deutschland.



Unternehmenssteuerreform bietet Grund zum Optimismus

Insgesamt haben die 168 BVK-Mitglieder derzeit 18,9 Mrd. DM in knapp 5 000 Unternehmen investiert. Für die kommenden Monate und Jahre erwarten Experten, dass sich das in Deutschland bisher vergleichsweise schwache Geschäft mit der Eigenkapitalfinanzierung etablierter Unternehmen zum Motor des Wagniskapitalmarktes entwickelt. Grund für den Optimismus ist die Unternehmenssteuerreform, die es Konzernen ab dem 1. Januar 2002 ermöglicht, sich steuerfrei von Beteiligungen zu trennen. Das dürfte für die Finanzinvestoren viele Gelegenheiten geben, Geschäftsbereiche zu übernehmen, weiterzuentwickeln und später mit Gewinn zu verkaufen.

Von der zweiten Jahreshälfte an werde dieses Geschäft stark wachsen, sagte Stefan Theis, Vorstand der Capiton AG, die einer der großen deutschen Spieler in diesem Marktsegment ist. Zu einem der großen Trends werde sich dabei das "Buy and build" entwickeln, bei dem Investoren mehrere kleinere Unternehmen einer Branche kaufen und zu einer - möglichst paneuropäischen - wettbewerbsfähigen Einheit zusammenfassen. Theis rechnet mit einer Konsolidierung, einer stärkeren Spezialisierung und mehr Kooperation unter den Wagniskapitalgebern. Eine bestimmte kritische Größe und eine europaweite Präsenz würden immer wichtiger. "Von Zahl und Volumen der Transaktionen her wird dieses Jahr das vergangene Jahr in den Schatten stellen", ist er überzeugt.



Hohes Wachstum bei 3i erwartet

Ein Wachstum von rund 20 % sagt Andrew Richards, Deutschlandchef des europäischen Marktführers 3i, voraus. Das rasante Wachstum der vergangenen drei Jahre habe sich zwar etwas abgekühlt, aber ein Stillstand sei nicht zu befürchten. Auch das Frühphasengeschäft werde weiter wachsen, sagt Richards. Viele Wagniskapitalgesellschaften hätten jetzt Beteiligungsportfolios voller junger Technologiefirmen, denen der Gang an die Börse derzeit schwer falle. Diese jungen Firmen hätten einen hohen Bedarf an Folgeinvestitionen. Auch Richards erwartet dank Unternehmenssteuerreform eine Zunahme der großen Transaktionen.

"Die Steuerreform wird unserem Markt Flügel verleihen", sagt BVK- Chef Hertz-Eichenrode. "Das Potenzial für Eigenkapitalinvestoren - sowohl was die Kapitalquellen als auch die Beteiligungsmöglichkeiten anbelangt - wird immer größer."

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