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16.01.2003

13:21 Uhr

Krise in Deutschland versetzt das Land jenseits der Alpen in Nervosität

Italiener hoffen auf deutsche Tugenden

VonMarcello Berni (Handelsblatt)

"Was ist nur mit Euch Deutschen los?" Diese Frage wird in Italien angesichts schwacher deutscher Wachstumsdaten und hoher Arbeitslosigkeit immer öfter gestellt. Erstaunt sind viele Bürger des Landes insbesondere über die Probleme der öffentlichen Haushalte, die sie bislang eher in Rom als in Berlin vermuteten. Deutschland scheint für viele Italiener nach dem Verlust der für sie fast schon mythischen D-Mark die Rolle eines Hortes der Stabilität verloren zu haben.

MAILAND. Für den Wirtschaftsjournalisten Alessandro Penati vom "Corriere della Sera", der größten Tageszeitung des Landes, steht gar der rheinische Kapitalismus auf der Kippe. "Er riskiert, die eigene Übelkeit im übrigen Europa zu verbreiten. Der Arbeitsmarkt ist rigide, die Lohnnebenkosten hoch, die Banken als Pfeiler des Systems wanken."

Von Schadenfreude über die deutsche Schwäche kann aber keine Rede sein. Vielmehr bemüht sich die intellektuelle und wirtschaftliche Elite Italiens in diesen Monaten darum, die Gründe und die Auswirkungen der Krise der früheren Vorbildnation zu verstehen.

"Die Ermüdungserscheinungen in Deutschland haben für uns große Auswirkungen," sagt der Historiker und Diplomat Sergio Romano, schließlich seien die beiden Volkswirtschaften eng miteinander verzahnt. Deutschland ist für Italien mit einem Gewicht von 15 Prozent bei weitem der größte Handelspartner.

Deutsches Modell hat in Italien viele Anhänger

Die Besorgnis spiegelt sich auch in den Medien wieder. Keine Zeitung, die sich nicht mit der Frage nach der Zukunft der größten europäischen Volkswirtschaft auseinander gesetzt hat. "Zweifellos befindet sich das deutsche Modell des wohltemperierten Kapitalismus in der Krise. Das Modell besitzt aber auch hier zu Lande viele Anhänger, von den Katholiken bis zur progressiven Linken", sagt Romano.

Doch längst nicht alle halten das deutsche Modell für überholt. Verbreiteter ist die Meinung des Präsidenten der Mode- und Verlagsholding HdP, Franco Tatò, der neulich sagte: "Es ist nicht das Modell selbst, das in die Krise geraten ist, sondern dessen Evolution, die zu einer Verkrustung des Systems geführt hat."

Hohes Maß an Unbeweglichkeit erreicht

Tatò, der als ehemaliger Chef von Mannesmann-Kienzle und Triumph Adler auf langjährige Erfahrung in Deutschland zurückblicken kann, resümiert: "In jener Zeit, in der sich die Welt durch den technischen Fortschritt rasant beschleunigt hat, hat sich der auf Konsens basierende deutsche Weg als zu langsam und zu kompliziert erwiesen." Heute sei ein hohes Maß an Unbeweglichkeit erreicht. Für die Zukunft bleibt Tatò jedoch optimistisch: "Die Kenntnis über Deutschland sagt mir, dass man sich an einem bestimmten Punkt der Wichtigkeit des Problems bewusst wird und stringent darauf reagieren wird."

Der Italiener auf der Straße sieht dies immer noch anders. Wenn man ihn fragt, erinnert er an die klassischen Tugenden der Deutschen, mögen sie noch so abgedroschen klingen: Genauigkeit, Korrektheit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit.

Andrea Pininfarina, Chef des bekannten Turiner Autodesignunternehmens, bringt das immer noch vorherrschende Image auf den Punkt: "Deutschland bleibt in vielen Sektoren führend. Die Zuverlässigkeit und Qualität ist gerade bei der Autoherstellung einzigartig. Niemals werden Sie mich schlecht über Deutschland sprechen hören!"

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