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18.02.2002

07:10 Uhr

Krisen-Management in Unternehmen

Zielscheibe Mitarbeiter

VonEVA ENGELKEN

Um keine Abfindung zu bezahlen, mobben Vorgesetzte ihre Mitarbeiter aus dem Unternehmen. Dass sie sich damit selber schaden, dämmert ihnen nur langsam. Wie sie beim Personalabbau fair bleiben können, müssen viele von ihnen erst lernen.

Wenn du mal eine Mitarbeiterin loswerden willst, muss du sie ständig kritisieren und überfordern. Irgendwann geht sie von selbst oder sie macht so viele Fehler, dass du ihr kündigen kannst." Gleich an Stephanie Prells* erstem Arbeitstag als Personalreferentin machte ihr der Abteilungschef klar, wie der Hase läuft. Die 31-Jährige nahm ihn nicht ernst - zumal das Software- und Beratungsunternehmen aus Nordrhein-Westfalen ständig einstellte statt zu entlassen. Heute, zwei Jahre später, ist Prell schlauer - sie wurde selber von ihrem Chef aus dem Unternehmen rausgeekelt.

Von oben gemobbt wird häufig, wenn ein Unternehmen entlassen muss. "Steht etwas von Stellenabbau in der Zeitung, klingeln bei uns die Telefone", sagt Lothar Drat, Sozialpädagoge der Mobbingberatung "Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing". Bei ihm rufen Mitarbeiter sämtlicher Branchen an, in letzter Zeit besonders häufig ehemalige Bankangestellte. Ob Verkäufer oder Gruppenleiter, wer auf der Abschussliste steht, ist vor Mobbing nicht gefeit.

"Es gibt bei uns keine ?Kultur des Trennens?", stellt Thomas Böcker, Diplompsychologe der Mobbingberatung Profile fest. "Dabei ginge es den Unternehmen besser, wenn sie sich auf faire Weise von ihren Mitarbeitern trennten." Würden sie von Anfang an mit offenen Karten spielen, wäre es für den Arbeitnehmer leichter, einen Aufhebungsvertrag zu akzeptieren. So aber klebe er am Vertrag, auch wenn die Lage für beide Seiten unerträglich geworden ist. Auch in Prells Firma hätte es anders laufen können. Unter dem Motto "Fit for growth" hatte das Softwarehaus eine Unternehmensberatung engagiert. Schnell kam diese zum Schluss, dass Personal entlassen werden müsste, auch in Prells Abteilung. Statt dies offen zu kommunizieren, sprach ihr Vorgesetzter nur davon, einige aus der Personalabteilung zu "versetzen".

Personalgespräch verlief wie ein Tribunal

Die Personalreferentin hatte jedoch sofort das komische Gefühl, "dass er nicht die Wahrheit sagte". Sie und ihre Kollegen vermuteten stattdessen, dass "in Wirklichkeit eine von uns würde gehen müssen". Doch ganz sicher war sie sich nicht. "So beginnt Mobbing von oben", sagt Böcker. Zuerst gäben die Chefs nur die halbe Wahrheit weiter "und dann knistert der Flurfunk", erklärt der Berater.

Für Prell begann ein Albtraum. Ihr Personalgespräch wurde überraschend vorgezogen und verlief nach ihrem Empfinden wie ein Tribunal. "Du fühlst dich dauernd zu Unrecht kritisiert. Du rechtfertigst dich nämlich immer", warf ihr der Geschäftsführer vor. Danach wagte die Personalreferentin es nicht mehr, den Mund aufzumachen.

Obendrein fiel Prells Zwischenzeugnis miserabel aus. Statt einer Gehaltserhöhung schlug ihr Chef Seminare in Persönlichkeitsbildung vor. Ein Personalvermittler rief bei ihr an, um sie abzuwerben. Erst ein paar Tage zuvor hatte ihr Vorgesetzter erklärt, dies sei die beste Methode einen Mitarbeiter "raus zu loben". "Ich bekam Sodbrennen, unreine Haut, und übersah zwei Radarfallen", erzählt sie.

Den Aufhebungsvertrag, den ihr die Firma mittlerweile angeboten hatte, unterschrieb sie trotzdem nicht: "Den Gefallen tue ich denen nicht", dachte sie sich. Keine ungewöhnliche Reaktion: Den Job aufzugeben kommt vielen Mobbingopfern einem Gesichtsverlust gleich. Mit ihrer Mobbingmethode hatten Prells Vorgesetzte das Gegenteil von dem erreicht, was sie ursprünglich wollten.

Nachhilfe in Sachen offene Unternehmenskultur

Marcella Kessel, Leiterin Personalentwicklung der SEB Bank, ging das Problem "Flurfunk" anders an. Die ehemalige BfG Bank AG war 2000 vom schwedischen Finanzdienstleistungskonzern SEB übernommen worden und strich seitdem fast 700 Stellen. Vor der anstehenden Umfirmierung von BfG Bank AG in SEB holte sich Kessel die Hilfe externer Berater.

"Vorher herrschte Unruhe und Orientierungslosigkeit bei den Mitarbeitern", erzählt Kessel. "Wir haben dann gezielt informiert, um den Gerüchten entgegenzuwirken." Die auf "Change Management" spezialisierten Berater setzten sich anschließend mit dem Führungsteam zusammen. In Workshops lernten die Manager, wie eine offene Unternehmenskultur funktioniert. "Bei einer Mitarbeiterbefragung konnten wir dann feststellen, dass die Zufriedenheit gestiegen war", sagt Kessel.

Externe Berater zu engagieren ist jedoch kein Patentrezept gegen Mobbing. "Ausschlaggebend ist, dass sich die Unternehmensspitze bewusst gegen Mobbing entscheidet", sagt Diplompsychologe Böcker. Dafür müssten Arbeitgeber erst einmal akzeptieren, dass sie sich mit ermobbten Entlassungen selber schadeten.

Evangelische Kirche in Hessen hat 20 Konfliktbeauftragte

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau will das Problem bei den Wurzeln packen. Nach dem Motto "Die wichtigste Maßnahme ist Prävention", schult sie 20 Konfliktbeauftragte. "Sie sollen bereits das Entstehen von Konflikten erkennen und bekämpfen", so Petra Knötzele, juristische Referentin der Kirche.

Am verträglichsten ist eine Entlassung für einen Mitarbeiter, wenn die Firma ihm hilft einen neuen Job zu finden. Für Prell sprang zwar niemand in die Bresche, aber sie hatte Glück. Einer der Geschäftsführer, mit dem sie bis dahin nie etwas zu tun gehabt hatte, überredete sie mit ihm zusammen in einer anderen Firma die Personalabteilung aufzubauen. "Ich dachte erst, dass er mich auf den Arm nehmen wollte." Doch schließlich nahm sie das Angebot an.

Nicht wenige Arbeitnehmer hätten in Prells Situation abgelehnt, sagt Böcker. Wer einmal gemobbt wurde traue dem Arbeitgeber nicht mehr über den Weg: "Viele Unternehmen machen sich nicht klar, wie viel sie zerstören, wenn sie Mitarbeiter mobben oder zulassen, dass gemobbt wird." Eine Firma, die derartige Methoden dulde oder sogar einsetze, habe es auf Dauer schwer, neue Leute zu finden. Ein Umdenken finde trotzdem erst langsam den Weg in die Köpfe der Verantwortlichen.

* Name von der Redaktion geändert

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