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20.01.2002

19:00 Uhr

Kritische Phase beginnt

Kommentar: Afghanistan braucht unbürokratische Hilfe

VonChristoph Rabe

Jetzt muss die internationale Staatengemeinschaft Farbe bekennen. Ist sie tatsächlich willens und in der Lage, Afghanistan langfristig unter die Arme zu greifen?

HB DÜSSELDORF. In Zeiten schwindender Steuereinnahmen und drohender Rezession dürfte es manchem Kassenwart schwer fallen, die politischen Versprechen für den Wiederaufbau des zerschundenen Landes am Hindukusch auch zu finanzieren. Aber Geberstaaten und Hilfsorganisationen stehen im Wort. Nach dem Abzug der Sowjets 1989 hatte die Welt das Land schon einmal seinem Schicksal überlassen - und damit den Taliban letztlich Tür und Tor geöffnet. Afghanistan ein weiteres Mal im Stich zu lassen, kann sie sich nicht erlauben.

Nach der vergleichsweise raschen Vertreibung der radikal-islamistischen Gotteskrieger aus den Schaltstellen der Macht beginnt jetzt die kritische Phase für Afghanistan. Das Land muss resistent gegen den Terror gemacht werden. Das kostet ungleich viel mehr Energie, Zeit und Geld als die Militärschläge. Sämtliche Grundlagen für den Aufbau demokratischer und wirtschaftlicher Strukturen fehlen in dem von 23 Jahren Bürgerkrieg verwüsteten Land. Die nach dem Petersberger Gipfel installierte Übergangsregierung kontrolliert faktisch nur einen Teil des Landes. Sie kann ihren Handlungsspielraum nur dann richtig ausschöpfen, wenn ihr der Rücken nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch finanziell gestärkt wird. Auf mindestens 15 Milliarden Dollar hat die Weltbank den Finanzbedarf Afghanistans geschätzt. Der Löwenanteil davon dürfte in den nächsten fünf Jahren anfallen.

Lippenbekenntnisse

Noch allerdings muss sich die neue afghanische Regierung mit Lippenbekenntnissen begnügen. Nicht einmal die eingefrorenen Restguthaben der Taliban wurden ihr als Sofortmaßnahme frei gegeben. Kein Wunder, dass sich Regierungschef Hamid Karsai erst einmal enttäuscht über die bisherigen Hilfsleistungen zeigt. Auf Steuereinnahmen kann Karsai auf absehbare Zeit nicht hoffen. Ohne Geld und ohne funktionierenden Apparat wird er aber kein Vertrauen in seine Politik erzeugen können, zumal viele Provinzen noch fest in den Händen lokaler Stammesfürsten sind. Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den Terror und für den Wiederaufbau gewinnt die Karsai-Mannschaft nur dann, wenn sie der afghanischen Bevölkerung demonstrieren kann, dass Stabilität und Friede keine Fiktionen sind und der wirtschaftliche Neubeginn langsam Früchte trägt.

Umso dringender ist, dass ausländische Hilfen schnell und unbürokratisch anlaufen. Auf der heute beginnenden Geberkonferenz in Tokio könnte sich Karsais Stimmung etwas aufhellen - vorausgesetzt, die Geber halten sich an ihre Zusagen. Andernfalls drohen Afghanistan tatsächlich Chaos und Anarchie. Karsai steht aber vor einem tiefen Dilemma. Noch steckt Afghanistan in einer Grauzone aus Korruption, Eigenmächtigkeiten der Stammesfürsten und wirtschaftlicher Unberechenbarkeit. Die Geldgeber aber erwarten von ihm ein stimmiges Aufbauprogramm. Doch sinnvolle Projekte zu identifizieren, in die die Finanzmittel fließen könnten, dürfte nicht so einfach sein. Bislang ist man sich lediglich über den Rahmen einig: Landwirtschaft und Infrastruktur müssen saniert, Schulen und Hospitäler in Stand gesetzt und weite Landstriche von Minen befreit werden. All das sind Vorhaben, die Jahre dauern.

So oder so wird Afghanistan über Jahrzehnte am Tropf der Geldgeber hängen. Sie haben eine mächtige Verantwortung zu schultern: Es geht darum, durch eine vorausschauende und effiziente Verteilung der Mittel dafür Sorge zu tragen, dass sich Afghanistan ohne Rückfall in den Drogenanbau politisch und wirtschaftlich nachhaltig stabilisieren kann. Dazu gehört auch die behutsame Einführung einer neuen Währung. Die USA haben Afghanistan im Alleingang befreit, jetzt muss die Welt mit Taten folgen.

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