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09.01.2007

16:21 Uhr

Kutzers Corner

Prognosen – und jetzt?

VonHermann kutzer

Dax auf Sechsjahreshoch – für viele Privatanleger keine gute Nachricht, weil sie – frustriert und/oder ängstlich – nicht dabei sind. Um so öfter taucht die klassische Frage auf: „Kann man denn jetzt noch einsteigen?“

Die meisten Experten machen Mut, aber nur mit dem beliebten „Ja, aber ...“. Wir kennen sie inzwischen alle, die Prognosen. Damit stellt sich traditionell die Frage, wie weit die Propheten in diesem Jahr daneben liegen werden. Nur: Wer dieser reizvollen wie sinnlosen Betrachtung zu viel Raum gibt, vergeudet Energie für das Eigentliche – den Entscheidungsprozess. Und: Zwar sind Angst und Gier die schlechtesten Ratgeber, doch hilft auch ewiges Zaudern nicht weiter.

Die Mehrheit der Börsenprognosen stellt keine Überraschung dar, denn der 2006 mehrfach nach oben revidierte „vorsichtige Optimismus“ (heißt: etwa 5 bis 10% Kurspotenzial) ist ebenso eine fast alljährlich wieder kehrende Formulierung wie „zunehmende Kursschwankungen wahrscheinlich“ oder „differenzierte Entwicklung im Jahresverlauf“. Der Gipfel prognostischer Präzisierung wird mit mahnenden Hinweisen erreicht wie zum Beispiel „die Börse ist keine Einbahnstraße“ (!) und „es gilt auch die Risiken zu beachten“ (!!!). Helfen dann Statistik basierte Verhaltensempfehlungen weiter? Nicht wirklich, um eine fast unerträglich gewordene Verneinungsform aus dem deutschen Sprachgebrauch zu verwenden. Denn was nutzt die These, wonach die erste Börsenwoche oft ein Spiegel des ersten Monats sei und dann der Januarverlauf schon auf die Tendenz des Gesamtjahres hinweise? Spätestens im Mai („Sell in may ...“) wird den Zögerlichen das nächste Fragezeichen geliefert: Gilt das auch in diesem Jahr?

Finden wir uns doch damit ab, dass alle Vorhersagen leicht verderbliche Ware sind und deshalb frisch konsumiert werden müssen. Aktuell liefert der tatsächliche Verlauf der ersten Börsentage im neuen Jahr noch keine Argumente für einen Strategiewechsel. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, den bisher vorherrschenden Optimismus aufzugeben. Dass der Dax auch nach vier Jahren des Anstiegs noch in guter Kondition ist, wird ihm nicht nur von den Fundamentaldiagnostikern bescheinigt.

Somit ein klares „Ja!“ auf die Kann-man-noch-kaufen-Frage. Gestern wie heute gilt freilich, dass der Aktienanleger sein Risikoprofil kennen, das Instrumentarium des Markts beherrschen und die Disziplin zur konsequenten Verlustbegrenzung (Verkaufen lernen!) mitbringen sollte. Im Zweifel nein, das gilt auch für die Börse. Viele Privatanleger sollten aber ihr Zaudern durch Flexibilität ersetzen. Denn es ist nun einmal so, dass im Zeitalter global vernetzter Märkte alle Tendenzaussagen nur „bis auf Weiteres“ gelten.

Übrigens: Vielleicht werden Volkswirte und Analysten ja einmal ihre Vorhersagen durchnummerieren oder mit Datumscodes versehen. Und wie wär’s mit einem börslichen Terminhandel auf Prognosen?

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