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07.04.2003

07:41 Uhr

Lager in Jordanien und Iran bleiben leer

Krankenhäuser in Bagdad stehen vor dem Kollaps

VonJan Dirk Herbermann

Die humanitäre Lage in Bagdad hat sich deutlich verschlechtert. Die teilweise verworrene militärische Lage in der irakischen Hauptstadt erschwert die Arbeit der wenigen verbliebenen Helfer. Während die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln weiter schleppend verläuft und immer mehr Bewohner Bagdads vor dem Kriegsinferno flüchten, droht den Krankenhäusern in der Hauptstadt jetzt der Kollaps.

GENF. Nach Berichten des Rot-Kreuz-Teams in Bagdad liefern die Iraker "ununterbrochen Kriegsverletzte" in die Hospitäler ein. Pro Stunde seien es an die 100 Opfer, die alleine in das zentrale Yarmuk-Hospital gebracht werden.

Die medizinische Versorgung fände unter sehr angespannten Bedingungen statt: "Das Personal arbeitet bis zur totalen Erschöpfung", berichtete Roland Huguenin-Benjamin, einer der letzten Rot-Kreuz-Helfer, die in Bagdad ausharren. Auch wenn sich viele Mediziner freiwillig zum Einsatz melden, könne dadurch nicht verhindert werden, dass in den vier großen Krankenhäusern der Millionenmetropole die Verletzten oft den Ärzten unter den Händen stürben. Es müsse mit Dutzenden von Toten gerechnet werden, sagte Roland Huguenin-Benjamin. Wie viele Zivilisten am Samstag und Sonntag insgesamt den Kämpfen in und um Bagdad zum Opfer fielen, blieb zunächst unklar.

Immer wieder breche in den Krankenhäusern zudem die Strom- und Wasserversorgung zusammen. In Genf teilte die Chef-Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Antonella Notari, mit, die Hospitäler müssten oft auf Notaggregate umschalten. "Zwar liefern wir jetzt die Ersatzteile, die wir vor dem Krieg in Bagdad eingelagert haben, aber es ist zu befürchten, dass das nicht ausreicht", sagte Notari. In den Städten im Umkreis von Bagdad sei die Lage ebenfalls prekär. Das Hospital von Mahmoudiya etwa sei "nicht mehr länger in der Lage, mit dem Zustrom von Patienten fertig zu werden," sagte Notari.

Zumindest trafen am Sonntag keine Meldungen über neue Angriffe auf Hospitäler ein, meldete die Rot-Kreuz-Zentrale. Mitte vergangener Woche war ein Hospital unweit von Bagdad schwer beschädigt worden. Nach diesem vierten Treffer, den ein Krankenhaus einstecken musste, hatte die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gro Harlem Brundtland, die Kriegsparteien scharf kritisiert.

Der Flüchtlingsstrom aus Bagdad reißt nicht ab: Bisher hätten mindestens 10 000 Menschen die Metropole verlassen, sagt David Wimhurst von der Uno-Koordination für den Irak in Amman. In einem Gebiet nahe der iranischen Grenze irrten immer noch rund 30 000 Iraker umher. "Allerdings haben wir keine ganz präzisen Zahlen", sagte Wimhurst.

Auch am Wochenende hätten viele Bewohner versucht, dem drohenden Häuserkampf zu entkommen, hat die Rot-Kreuz-Delegation in Bagdad beobachtet. Teilweise suchten die Menschen allerdings auch innerhalb der Stadt, an vermeintlich sicheren Orten, Zuflucht. Andere Familien übernachteten in ihren Autos am Straßenrand, um jederzeit die Flucht fortsetzen zu können. Die großen Flüchtlingslager in Jordanien und dem Iran blieben bisher aber noch leer, meldeten die Verantwortlichen des Uno-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR). Es habe am Wochenende keine "Bewegungen" von Flüchtlingen gegeben.

Im Süden des Iraks leide die Metropole Basra immer noch unter Wassermangel, sagte IKRK-Frau Notari. In den Hospitälern müssten die Ärzte oft verunreinigtes Wasser nutzen. In der zweiten Wochenhälfte seien alle 24 Stunden 15 bis 25 Kriegsverletzte in die Operationssäle eingeliefert worden. Zu Beginn des Krieges waren es rund 100 Patienten pro Tag. Durch den Medizinkonvoi des Roten Kreuzes nach Basra habe sich die Versorgungslage entspannt. Epidemien seien bislang nicht ausgebrochen. Von einer "Gesundheitskrise" wolle das Rote Kreuz in der Region Basra deshalb nicht sprechen. Die Versorgungslage der irakischen Bevölkerung mit Lebensmitteln bleibe allerdings prekär.

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